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Ich Mache Dann Jetzt Mal Was Anderes

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Es gibt so Momente in einem Leben, da steht man an einem Scheideweg. Und dann macht man die Augen zu, geht weiter und hofft, das es von alleine besser wird. Dann öffnet man die Augen wieder, merkt, dass man eigentlich keinen Schritt weiter gekommen ist, sich die Jahreszeiten aber ein weiteres Mal wechselten. Eine Entscheidung muss her.

Ich studiere schon lange. Sehr lange. Ich begann mit einem Ingenieurstudium, das ganz ok war, bei dem ich aber merkte, dass Mathe eigentlich das einzige war, was mir wirklich Spaß machte. Also wechselte ich zur Mathematik mit Physik im Nebenfach. Das war eine ganze Zeit lang ganz toll. Ich begeisterte mich für die Abstraktheit des Faches, begann die Eleganz der verschiedenen Theorien zu sehen und war in den meisten Teilgebieten der Mathematik auch ziemlich gut. Ich fand eine hervorragende Arbeitsgruppe, mit der ich auch die kompliziertesten Aufgabenzettel löste und hatte großen Spaß dabei. Einziges Problem war, dass ich mich und mein Studium erst weitestgehend und später vollständig selbst finanzieren musste. Das bedeutete erst Frühdienste an jedem Wochenende in meiner alten Zivistelle, später gute 30h/Woche als Werksstudent plus 400€ Job. Eine Zeit lang studierte ich tatsächlich in Regelstudienzeit trotz dieser Doppelbelastung und hatte dann, wie man sich denken kann, einen Burn-Out. Nach der eingelegten Zwangspause war meine Arbeitsgruppe natürlich weiter und so stand ich plötzlich alleine da. Bei der Suche nach neuen Lernpartnern stolperte ich von einer Katastrophe in die nächste. Auf dem Spektrum zwischen Unzuverlässlichkeit, sozialer Inkompetenz und Dummheit waren alle Permutationen — auch in Kombination — vorhanden, was wieder zu mehr Arbeit und nicht-erfüllten Scheinkriterien führte. Die Lust schwand, die Motivation schwand und die Begeisterung für das Fach war schon lange flöten.

Weil ich zusätzlich ein paar Prüfungen vor mir her schob, die jeweils ein Jahr Stoff umfassten, entschloss ich mich vom Diplom auf den Bachelor zu wechseln, obwohl mir zum Diplom nichtmal eine Handvoll Scheine, jedoch einige große Prüfungen fehlten. Im Bachelor werden die großen Prüfungen in kleinere geteilt, so dass nur ein Semester Lehrinhalt abgeprüft wird. Ich dachte, das wäre dann wenigstens zu schaffen. Die neue Prüfungsordnung enthält dann aber auch neue Pflichtveranstaltungen, die kein Bestandteil des Diplomstudiengangs waren. Also wieder mehr Arbeit, wieder ein zweisemestriger Kurs, in dem ich von meiner Arbeitsgruppe sitzen gelassen wurde (Ich weiß schon wie das klingt, aber die funktionierenden Arbeitsgruppen finden sich in den ersten zwei Semestern und mit den meisten Einzelgängern stimmt etwas nicht. Natürlich hatte ich auch ein paar gute Truppen, aber das war dann immer nur für einen Kurs.) und so zog es sich weiter in die Länge und so war meine Lust dieses verdammte Studium zu Ende zu bringen gleich null. Ich hatte schon lange keine Freizeit, war entweder arbeiten, in der Uni oder am Schreibtisch und wenn es einfach nicht voran geht, ist das verdammt frustrierend.

Das Ende vom Lied war, dass ich Anfang des Jahres bei meinem Studienschwerpunkt durch die letzte Prüfung rasselte und mir nun einen neuen hätte suchen müssen. Wieder mindestens ein Jahr verloren und dann muss ja auch noch die Abschlussarbeit geschrieben werden und der große Zweifel, ob ich das bei meiner massiven Unlust überhaupt schaffen werde und dabei noch mehr Zeit vergeude.

Nun stimmt es nicht ganz, dass ich in den letzten Jahren meines Studiums alles scheiße fand. Es gab da diesen zweisemestrigen Kurs namen Computerorientierte Mathematik, in dem ich hingegen meiner eigenen Erwartungen total aufging und riesigen Spaß hatte. Ich programmiere schon länger gerne. Ob es Computeralgebra-Systeme, Bash-Skripte, Python-Programme, massive SQL-Abfragen, R-Skripe oder bekloppter VBA-Code ist, ich finde programmieren gut. Gerade die algorithmische Umsetzung von mathematischen Problemstellungen finde ich interessant und bin der Meinung, dass performanter Code immer wichtiger wird. Ein wesentlicher Grund dafür, nicht früher die Reißleine gezogen zu haben, war ein Mangel an Alternativen und diese fehlende Alternative fand sich nun nach intensivem Nachdenken über meine Situation. Ich schmeiß dieses Studium hin, was mich seit Jahren nur unglücklich macht und lerne einmal ordentlich zu programmieren. Der Weg den ich nun seit August bestreite nennt sich Ausbildung zum Mathematisch Technischen Softwareentwickler, die auch nur so lange dauert, wie der Abschluss meines Studiums gedauert hätte, wäre ich in der Lage, das Studium zu beenden (dessen ich mir auch nicht mehr so sicher war).

Diese duale Ausbildung (3 Wochen Betrieb, eine Woche Berufsschule) besteht im Wesentlichen daraus eine Menge Mathematik zu vermitteln — orientiert sich dabei recht stark am Mathe Grundstudium — eine objektorierntierte Programmiersprache beizubringen und diese beiden Bereiche so weit es geht miteinander zu verknüpfen. Dazu kommt dann noch so hilfreiches Handwerkszeug wie Datenbanken und notwendige Übel wie Englisch und Wirtschaft.

Natürlich werden sich viele Menschen fragen, wie man so kurz vor dem Ziel und in meinem Alter sein Studium hinschmeißen kann. Abgesehen davon, dass mir dieses Studium nicht viel mehr hätte beibringen können, ist es natürlich schade, ohne einen Abschluss die Uni zu verlassen. Aber ich konnte einfach nicht mehr. Ich war wirklich lange unglücklich, die Beziehung wurde stark belastet und ich bin quasi auf der Stelle getreten.

Die ersten zwei Monate stimmen mich in jedem Fall positiv, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die Kollegen sind super, ich habe Zeit ordentlich von der Pike auf programmieren zu lernen, die Schwerpunktsetzung in der Berufsschule kommt mir sehr entgegen und ich darf jeden Morgen ins beschauliche Potsdam/Babelsberg fahren. Von uns vier Berlinern, die in der Klasse sitzen sind zwei ehemalige Mathestudenten, ein Informatikstudent und ein syrischer Flüchtling und fühle mich entsprechend wohl. Die anderen sechs, die aus dem restlichen Bundesgebiet anreisen, lerne ich in der nächsten Woche kennen. Sicherlich werde ich die Berufsschule auf einer halben Arschbacke absitzen — was den mathematischen Teil betrifft wird mir da niemand wirklich was neues erzählen können, die letzten zweieinhalb Jahre habe ich als Werkstudent ein einer Ratingagentur gearbeitet und habe dort viel Erfahrungen mit monströsen Datenbanken, Programmierung und Code-Reviews gesammelt — aber ich will ja auch vor allem richtig programmieren lernen und praktische Erfahrungen in komplexen Projekten sammeln.

Ich genieße es gerade sehr, die Dinge lernen zu können, die mich wirklich interessieren. Da ich bei einer Webbude angestellt bin lerne ich halt nebenbei das ganze Webgedöns (CSS, PHP, Contentmanagementsysteme und Pluginentwicklung), was man sicher immer gut gebrauchen kann, im Rahmen der Berufsschule Java und mathematische Methoden in der Programmierung zu benutzen. Aktuell habe ich auch noch Zeit meine Python-Kenntnisse zu vertiefen und mich mit Datenvisualisierung zu beschäftigen und werde versuchen mich während der Ausbildung so breit, wie es geht aufzustellen, um im Anschluss das Richtige für mich zu finden.

Ich versuche diese Zeit möglichst umfänglich auf einem eigenen Blog (das sich noch im Aufbau befindet) zu begleiten, in der Hoffnung am Ende etwas aussagekräftiges in den Händen zu halten. Die nächsten zwei Jahre werden also ausschließlich im Zeichen des Lernens stehen, weshalb es hier aller Wahrscheinlichkeit erstmal recht ruhig bleiben wird.

Jedenfalls merke ich, wie gut diese Entscheidung für mich war — auch wenn sie natürlich auch viel früher hätte kommen können. Ich schlafe wieder viel besser, ich bin zufrieden, meine Freundin ist zufrieden, ich habe ein klar definiertes und zeitlich abgestecktes Ziel vor Augen und ich kann das Lernen endlich wieder genießen. Denn ich lerne gerne. Aber ich habe gemerkt, dass die Bretter, die man in einem Mathe-Studium bohren muss, für mich langfristig einfach zu dick waren. Man lernt und rackert vor sich hin und bekommt erst nach zwei, vielleicht sechs, vielleicht zwölf Monaten ein Erfolgserlebnis. Ich konnte daraus irgendwann keine Motivation mehr ziehen. Jetzt sind die Brettchen schön dünn, man knobelt an einem Problem und ist spätestens nach einem Tag damit fertig, auch wenn man sich das Thema erst komplett neu erschließt. So macht mir das Lernen wieder Spaß und ich weiß, dass ich bei einer solchen Brettchendicke auch den Rest meines Lebens Spaß am Lernen haben werde.

So. Genug Seelenstriptease für heute. Jetzt wisst ihr jedenfalls, was bei mir so los ist.

Weitermachen.

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