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Top 20 Movies - 2015

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Im Jahr 2015 habe ich 169 Filme gesehen, so viel wie noch nie zuvor, was sicherlich dem schwachen Fernsehprogramm sowie dem immer kleiner werdenden Stapel an ungesehenen Serienklassikern lag, und ich kann mich nicht beklagen. Ich habe wieder ein guten Händchen dabei bewiesen einen Bogen um Schrott zu machen — so sah ich nur 21 Filme, die ich mit einem Stern bewertet habe und 108 Filme, die ich gut bis herausragend wertete. Aber genauso wie 2014 waren nur wenige absolute Hochkaräter in der Auswahl, so dass es mir schwer fällt mich auf eine Top 10 zu beschränken, ohne eine Vielzahl kleinerer Perlen zu erwähnen.
Traditionell findet sich in meiner Bestenliste kein Action-Blockbuster. Das ist einfach nicht mein Genre, aber ich erwähne auch in diesem Jahr wieder einen solchen Film, den ich guten Gewissens empfehlen kann. Dieser ist auf Position 21 platziert.
Diese Liste enthält vier nicht englischsprachige Filme und 13 Filme, die mit einem Budget von teils merklich unter $7Mio ausgekommen sind. Es gibt hier also viele kleine Filme zu entdecken, die großes leisten. Also dann…

Ich habe habe mich mal an Videoschnitt versucht und diese Jahresbestenliste auch in einen Video-Countdown gegossen, den ich sehr unterhaltsam finde, wenn er auch etwas lang geworden ist. Schaut doch mal rein.

Top 20 Movies of 2015 from die_krabbe on Vimeo.

Top 20

  1. Ex Machina – Ich habe mich in diesem Jahr etwas mehr mit AI und machine learning auseinandergesetzt und Ex Machina greift eine von vielen Möglichkeiten einer künstlichen Intelligenz auf.
    So verchieden die unterschiedlichen Formen einer KI realisiert werden können und wie groß der Unterschied der Konsequenzen derer sein können, so liegt doch allen Theorien über das Verhalten von künstlichen Intelligenzen eine Gemeinsamkeit zu Grunde. Das eigene Überleben zu sichern.
    Während die beiden männlichen (und menschlichen) Protagonisten (Domnhall Gleeson, Oscar Isaac) noch Kindergeburtstag spielen und einen schnöden Turing-Test an der im Robotoerkörper von Alicia Vikander gespeicherten KI machen, ist diese schon mehrere Schritte weiter…
    Von der ersten Sekunde an fing mich das Sounddesign und der Soundtrack ein, die kalte Location gepaart mit dem betörenden Schauspiel Vikanders tat dann ihr übriges und bezauberte mich.
  2. Whiplash – Ich weiß wohl, dass dieser Film verschiedene Schwächen hat, aber wenn es da einen Film gibt, der mich als Liebhaber von Musik und Filmen über Methodik und Prozesse in einen Jazz-Proberaum an einem Konservatorium steckt, in dem JK Simmons sein Unwesen treibt und mich der Film gleichzeitig mit dem Fuß wippen lässt und in Angst und Schrecken versetzt, dann tut es mir Leid, aber dann ist es um mich geschehen.
  3. Bande de filles (Girlhood) – Eine Sensation von einem Film, der im sozielen Wohnungsbauprojekt am Rande von Paris spielt und ein Mädchen im Zentrum hat, das aus fürchterlichen familiären Verhältnissen stammt und ihren Halt in einer Mädchengang findet.
    Ein wundervoller Film voll Schönheit, Agression, Sanftheit und Style. Ich bin bis über beide Ohren verliebt.
  4. Victoria – Ein spanisches Mädchen, das eines Nachts alleine feiernd in Berlin unterwegs ist trifft vier Jungs, die ihr einen Teil von ihrem Berlin zeigen, bis sie in eine ganz hahnebüchene Geschichte gerät.
    Das technische Alleinstellungsmerkmal dieses Filmes, der tatsächlich in einem Take aufgenommen wurde, hilft der Spannung und der geografischen Verortung ungemein. Alle Emotionen, die man während einer Szene spürt, werden durch den fehlenden Schnitt intensiviert und irgendwie fühlt sich der ganze Film ungemütlich an, was seinem Kernplot nur hilft.
    In zweieinhalb Stunden wird man auf eine erzählerische, wie emotionale Achterbahnfahrt mitgenommen und muss im Anschluss ersteinmal eine Weile verschnaufen.
  5. The Diary of a Teenage Girl – Es gab ein paar echt schöne Liebesgeschichten in diesem Jahr, von denen sich auch ein paar auf dieser Liste wiederfinden, aber alle können im Gegensatz zu Diary of a Teenage Girl einpacken und wieder nach Hause fahren.
    Der Film spielt 1973 und beginnt mit einem 15 jährigen Mädchen, das gerade zum erstem Mal Sex hatte und ganz beschwingt und über das ganze Gesicht grinsend durch einen sonnendurchfluteten Park schlendert. Sex hatte sie mit dem Freund ihrer Mutter und ihr folgendes sexuelles Erwachen, die Auseinandersetzung mit ihrem Körper und ihrem sozialen Umfeld dokumentiert sie in ihrem Tagebuch.
    Dieser coming of age Film stellt ausgelutschte Tropen des Genres auf den Kopf, indem er erzählt, wie ein Mädchen ihre Sexualität voller Enthusiasmus erforscht, ohne dass es zu mittelschweren Katastrophen kommen muss. Diese Geschichten bekommen leider nur männliche Protagonisten übergeholfen und allein deshalb ist Diary of a Teenage Girl ein erfrischender und vor allem wichtiger Film. Obwohl Minnies Entscheidungen nicht immer besonders wohldurchdacht sind und ihr Partner vollkommen unangemessen ist, so ist das aber egal, denn sie trifft die Entscheidungen, sie hat Spaß am Sex und sie nimmt sich den für sie bestmöglichen Sex. Das Resultat ist ein aufschlussreicher und verstörender, komischer und trauriger, süßer und beängstigender Film. Ganz unbedingt schauen und euren Cousinen, Nichten, Töchtern und Schwestern in die Hand drücken.
  6. A Girl Walks Home Alone at Night – Ein iranischer Vampirfilm, den man kaum in ein paar Sätzen adäquat beschreiben kann. Es ist ein wunderschöner, düsterer, verstörender Schwarzweißfilm, der sich eine Menge visueller Inspirationen einschlägiger Genreklassiker holt, dabei aber immer eine eigene Sprache spricht und mit seiner romantischen Liebesgeschichte zu betören weiß.
  7. Love & Mercy – Komischerweise hat in diesem Jahr kaum jemand über das Biopic Brian Wilsons über die Schaffensphase von Pet Sounds sowie seiner 20 Jahre späteren Zeit als gebrochener Mann der von einem extrem missbräuchlichen Therapeuten kontrolliert wird, gesprochen. Die beiden Versionen Wilsons werden ähnlich hervorragend von Paul Dano und John Cusack gespielt, die Aufnahmesessions sind sehr gut recherchiert und umgesetzt und Wilsons psychische Störung wird so fragil eingefangen, dass am Ende ein sehr unterhaltsamer, berührender und herzzerreißender Film übrig bleibt.
  8. Clouds of Sils Maria – Ein wundervoller Film, in dem sich Juliette Binoche und Kristen Stewart von oben bis unten aneinander abspielen dürfen.
  9. Inside Out – Ein Film, der in die Gefühlswelt von heranwachsenden taucht, dabei mal eben ein neues Vokabular zur Kommunikation zwischen Eltern und Kindern schafft, eine unglaublich einfache Bildsprache findet, vor ausgezeichneten Ideen nur so strotzt, ganz nebenbei etwas wichtiges zu erzählen hat und einen zwischen Gefühlsextremen von komisch und traurig behutsam hin und her schleudert.
    Ein ganz toller Film, der gerne die 20 Minuten konsequenzlosen Achterbahnfahrens hätte weglassen können.
  10. Левиафан (Leviathan) – Ein russisches Drama biblischer Größe, angereichert mit politischen Allegorien und einem fantastisch einsamen landschaftlichen Setting, das man einfach gesehen haben sollte.
  11. Sicario – Toll besetzt und ebenso gespielter Thriller über den amerikanischen Kampf gegen Drogenkartells, dessen Story nicht besonders originell ist, aber in seiner Stringenz, Direktion und allen technischen Aspekten zu überzeugen weiß. Kein anderer Film wusste es in seinen Actionsequenzen so eine Spannung aufrecht zu erhalten und so bedächtig Informationen an seine Zuschauer mitzuteilen. So gut ich die erzählerische Stringenz empfand, dass die von Emily Blunt gespielte FBI-Agentin nur ein Teil dieser Task Force ist, um dem Einsatz im Ausland zu legitimisieren und sie sonst ineffektiv am Rand stehen zu lassen, so bleibt sie doch zu blass, um ihrer gerecht zu werden.
  12. Carol – Eine wunderhübsch fotografierte Liebesgeschichte in den fünfziger Jahren zwischen der ungleichen Paarung bestehend aus Cate Blanchett und Rooney Mara macht zwar irgendwie alles richtig, funktionierte aber vor allem auf emotionaler Ebene nur mittelmäßig.
  13. Listen Up Philip – Philip Lewis Friedman (der mit vollem Einsatz von Jason Schwartzman gespielt wird) ist Schriftsteller und mag keine Menschen. Auch nicht seine langjährige Freundin (die tolle Elizabeth Moss). Das ist auch so ziemlich die einzige Konstante in diesem Film, denn einen richtigen Plot gibt es nicht. Eher begleiten wir verschiedene Figuren bei nicht immer kohärenten Mini-Episoden, in denen es eher darum geht verschiedenste menschliche Facetten einzufangen, die entweder feindselig, abstoßend, geistreich, emotional, provozierend oder schroff sind. Das komödiantische Auge, mit dem Alex Ross Perry diese Szenen jedoch einfängt entlohnt den Zuschauer jedes Mal und man merkt, dass all die Negativität und Wut auch seinen Platz haben kann und hier wirklich fein ausgelotet ist.
  14. Heaven Knows What – Arielle Holmes ist eine ehemals Heroinabhängige, die von dem Filmemacherbrüderpaar Josh und Benny Safdie in New York entdeckt wird und Arielle Holmes dazu ermutigen, ihre Geschichte aufzuschreiben. Dieses Buch adaptierten die Safdie Brüder zu dem brachialen Drogenfilm Heaven Knows What, in dem sie die Autorin für die Rolle ihrer fiktionalisierten selbst — namens Harley — casten.
    Der Film handelt im wesentlichen von Harleys Sucht nach Drogen und ihrem mit-Junkie Ilya, dem sie gnadenlos verfallen ist, ist dabei kmpromisslos und ungemütlich wie kaum ein zweiter und Holmes Fähigkeit von einem Moment zum nächsten zwischen distanziert und leidenschaftlich zu wechseln, macht sie zu einem vortrefflichen Kameraobjekt. Auch wenn es ganz schön weh tut.
  15. 45 Years – Beziehungsfilme gibt es viele. Ehrliche Beziehungsfilme eher selten und nach Filmen, die erst 45 Jahre nach dem Beginn der Beziehung einsetzen, muss man schon ganz schön suchen.
    45 Years untersucht, wie unausgesprochene Geheimnisse eine solide Beziehung zum Bröckeln bringen können und Eifersucht gegenüber lang verflossener Liebe auslösen kann. Ein wundervoll beobachtender und leiser Film.
  16. Tangerine – Leise ist in Tangerine mal gar nichts. In dieser — auf einem gepimpten iPhone gedrehten — Studie über transgender Sexarbeiter in Los Angeles geht es heiß her. Eine Prostituierte, die gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, erfährt von ihrem Zuhälter betrogen worden zu sein und sucht die Konfrontation, ihre beste Freundin steht ihr dabei zur Seite und gemeinsam düsen sie durch die Stadt, auf der Suche nach dem Zuhälter und der Frau, mit der er sie betrogen hat, während sie eine Spur der Verwüstung hinter sich her ziehen.
    Am meisten beeindruckte mich die Menschlichkeit, Freundschaft und der Zusammenhalt in dieser subkulturellen Gemeinschaft, die sich immer ehrlich und nie aufgesetzt anfühlt. Zudem ist der Film einfach saukomisch.
  17. The Overnight – Wenn man Kinder bekommt passieren ein paar komische Dinge. Eins dieser komischen Dinge ist, dass man plötzlich neue Freunde bekommt.
    Adam Scott und Taylor Schilling lernen auf dem Kinderspielplatz den offensiven Vater eines anderen Kindes kennen (Jason Schwartzman), der die beiden samt Kind zum Abendessen zu sich nach Hause einlädt. Währen die Kinder irgendwo mit sich beschäftigt sind, lernen sich die beiden Ehepaare kennen, wobei die Gastgeber recht offensiv mit ihren Vorlieben und Hobbies umgehen, die beiden Gäste sich jedoch eher bedeckt halten.
    Flasche um Flasche Wein wird geleert und so entscheiden sie sich nach dem Abendessen nicht auseinander zu gehen, sondern noch etwas zu bleiben…
    Wer ungemütliche Komödien mag, solle reinschauen.
  18. AMY – Diese Dokumentation, die volltändig mit Archivmaterial auskommt, erzählt das Leben von Amy Winehouse mit Bildern aus privaten Kameras, Fernsehbeiträgen und Paparazziaufnahmen von ihren ersten musikalischen Schritten bis zu ihrem letzten Tag, gewinnt dabei intime Einblicke in ihre Gefühlswelt und wo die Texte zu ihren Songs herkommen.
    Mich berührte an AMY zutiefst, dass man einer zerbrechlichen jungen Frau, die von Anfang an wusste, dass sie mit Ruhm nicht klarkommen würde, dabei zusehen kann, wie genau das passiert.
    Und am Ende fühlt man sich selbst als Teil des Problems.
  19. While We’re YoungNoah Baumbach hat ja immer was treffendes über die Menschen zu sagen. So auch hier, wenn ein kinderloses Ehepaar in ihren Vierzigern auf ein Hipsterpärchen trifft und diese befreundet. Ein brilliant beobachteter Film, mit viel Wahrheit und einer Menge Anerkennung für beide Seiten, ohne auch nur eine Möglichkeit auszulassen, sich über alle Beteiligten lustig zu machen.
  20. A Most Violent Year – Faszinierenderweise ist dies kein episches Gangsterdrama, sondern ein leiser, eiskalter Film über einen Mann (Oscar Isaac), der sein Business ausbauen möchte, ohne dabei in die Kriminalität abzudriften, auch wenn ihm seine Umgebung nicht wirklich eine Wahl lässt.
  21. Mad Max: Fury Road – Den erstbesten Platz außerhalb meiner regülären Liste nimmt traditionell der beste Actionfilm des Jahres ein, da ich mit dem Genre an sich nicht viel anfangen kann und es ein solcher Film eh nie in irgendeine Top-Liste von mir schaffen kann.
    Aber in diesem Jahr kann es keine Diskussion darüber geben, welcher Film diesen Platz verdient. Mad Max ist visuell extrem erfindungsreich, kommt angenehmerweise ohne aktives world-building und nur einem Sandkorn an Plot aus, entwickelt dabei aber eine Welt, von der man alles weiß, was man wissen muss, Figuren, die ein wohldefiniertes Ziel haben und eine Actionheldin ohne darum viel Aufsehen zu erregen. So muss Action sein, so sehe ich Action gerne.

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