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Sense8

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Wir kommen mal wieder zu einem Fall von “I watch TV so you don’t have to.”

Der neueste Streich von Netflix, der uns vor ein paar Tagen vor die Füße geworfen wurde ist Sense8, die neue Serie von den Wachowskies und J. Michael Straczynski.

Sense8

Es geht um eine Gruppe von je vier Männern und Frauen, die quer über dem Erdball verteilt leben, sich nicht kennen und plötzlich mental miteinander verbunden sind.
Das passiert weil ein anderer Cluster von ebenso verbundenen Menschen verfolgt und (zumindest eine) gefunden wird, diese kurz bevor sie geschnappt wird einen neuen Cluster gebärt und sich darauf das Leben nimmt, um diesen neuen Cluster um unsere 8 Helden zu beschützen.

Die Sensate sind — wie man leicht vermuten kann — eine evolutionäre Abweichung des Homo Sapiens und da Homo Sapiens alles zerstört, was er nicht versteht oder kontrollieren kann, ist eine kleine Gruppe eingeweihter Menschen hinter den Sensate her.
Aber was macht nun einen Sensate aus? Durch ihre mentale Verbindung haben sie (zumindest temporär) Zugriff auf das Wissen, die Sprache oder die Fähigkeiten der anderen aus ihrem Cluster, was sich darin manifestiert, dass sie sich gegenseitig erscheinen, sich miteinander unterhalten, gegenseitig Tipps geben und unterstützen. Ist also jemand in einer brenzligen Situation, aus der man nur mit besonderen Autofahrfähigkeiten entrinnen kann, kommt Capheus, ein Busfahrer aus Nairobi vorbei und setzt sich ans Steuer. Klar soweit?

Nun ist diese Verfolgung eher Hintergrundgeschichte und selten im Fokus (abgesehen vom Ende), sondern es geht eher um die persönlichen Geschichten der acht und so kommen wir zu dem Aspekt, den ich zumindest halbwegs interessant fand.
Alle acht sind in ihrem eigenen kleinen Genre-Filmchen, in dem sie ihre alltäglichen Problemchen lösen. Der Cop aus Chicago steckt in einem Cop-Drama, der versucht aufzudecken, wer sie jagt und außer Gefecht setzen will, der homosexuelle Telenovela Schauspieler aus Mexico City lebt selbst in einer Seifenoper mit viel Romantik und noch mehr Drama, der Berliner Tresorknacker Wolfgang bestreitet seinen eigenen Gangsterfilm mit pompösem Showdown, die isländische DJane (sagt man das heutzutage noch? Ich werde alt.) Riley mäandert in ihrem eigenen drogengeschwängerten Depri-Drama umher, die indische Pharmazeutin Kala lebt in einem Bollywood-Streifen um Glauben, Liebe, Mord und Tanz, die lesbische Trans-Hacktivistin Nomi ist Protagonistin in einem — ratet mal – kommt ihr nie drauf — Hacker-/Spionagethriller, die Martial-Arts Expertin Sun bestreitet einen Martial-Arts Film und der Nairobische Busfahrer Capheus wird zur Spielfigur in einem Krimi mit Drogenbossen und Slum-Gangs. Und all diese Geschichten sind in einer Science-Fiction-Mystery eingebettet in der Naveen Andrews (Sayid aus LOST) den Erklärbär spielt.

So ähnlich wie Cloud Atlas ist also auch Sense8 eine sehr ambitionierte Genreübung, die nur leider mit den plattesten Stereotypen arbeitet und den breitesten aller Pinselstrichen gemalt ist. Keine dieser Einzelgeschichten ist irgendwie besonders fesselnd oder clever, es werden keine Details ausgearbeitet, sondern die flachste und bereits am häufigsten erzählte Variante dieser Geschichte erzählt. Das ist ganz schön frustrierend und langweilig.
Wenn man nun vermutet, dass bei oberflächlichen und detailarmen Geschichten wenigstens ein riesiger Haufen Plot verwurstet wird, der tatsächlich irgend etwas mit der Situation der acht zu tun hat, so täuscht man sich gewaltig. Die zwölf Folgen der ersten Staffel fühlen sich eher wie ein Prolog an, denn so richtig schlauer sind am Ende der Staffel nicht. Überhaupt werden auch nicht besonders klare Regeln in diesem fiktiven Universum aufgestellt, so dass man die Hälfte der Zeit gar nicht so richtig weiß, was überhaupt möglich ist und woher gewisse Fähigkeiten eigentlich kommen.
So etwas finde ich immer problematisch, denn so wird der Zuschauer im Ungewissen gelassen und wird bloß durch eine neue Regel überrascht und nicht durch besonders cleveres Handeln innerhalb dieser Regeln und so haben die Autoren immer die Möglichkeit eine neue Regel zu erdenken, wenn sie sich in eine Ecke geschrieben haben.
Ein ebenso großen Ärgernis ist für mich ein grundloses Vorenthalten von Informationen von Verbündeten. Vieles wäre so viel leichter, würden sich unsere Hauptfiguren zusammensetzen und einmal ordentlich austauschen, anstatt herumzuknutschen.
Ein wenig bekloppt sind auch die beteutungsschwangeren Namen der Akteure, die mit der Eleganz eines Vorschlaghammers gewählt wurden. Wir haben Dr. Metzger, der Lobotomien an den Sensate durchführt, der zwielichtige Jonas, der zwei Gesichter zu haben scheint, die depressive Riley Blue, die engelsgleiche Angelica usw.

All das zeigt das enorme verschenkte Potential dieser Serie, aber es gibt auch gute Aspekte. Wenn die Stars schon nicht vor der Kamera stehen oder im Writers-Room sitzen, so sitzen sie doch im Editing-Room. Der Schnitt von Bild und Ton sind so unfassbar gut, dass er mich ständig emotional einfing. Die Fähigkeit uns in 10 Sekunden während eines Dialoges oder einer Action-Szene dreimal um den Erdball zu führen, ohne dass es komisch aussieht oder klingt und mehrere Tonebenen zu integrieren, was immer sachdienlich ist und immer mehr Drama oder Emotionen erzeugt, ist einfach beeindruckend.
Einige Szenen, in denen die Sensate zusammen kommen, um sich gegenseitig zu helfen, oder etwas besonderes gemeinsam zu erleben, sind ganz toll und lösten sehr emotionale Reaktionen in mir aus, nicht zuletzt weil sie nicht nur dann zusammen kommen, wenn sich jemand aus einer Situation rausboxen muss, sondern weil sie eine emotionale Verbindung zueinander haben und an einander Leben teilhaben wollen.

Fazit

Möchte man nun selber für sich feststellen, ob Sense8 was für einen ist, so empfehle ich die ersten vier Episoden zu schauen. Diese geben einen guten Querschnitt über das, was in dieser ersten Staffel so möglich ist, besser wird es danach nicht und eine zufriedenstellende Auflösung des Mysteriums bekommen wir am Ende auch nicht. Wie ich schon sagte, diese Staffel fühlt sich eher wie ein Prolog an. Bis zum Schluss wird auch nicht wirklich klar, was für eine Geschichte Sense8 eigentlich erzählen will. Soll es darum gehen, wie sich die acht gegenseitig bereichern und ihre eigene Story bewältigbarer machen, wie es ein guter Freund täte, oder soll es darum gehen, wie sie sich aus den Fängen ihrer Verfolger befreien? Warum wurde diese Gabe überhaupt weitergegeben, warum an diese Menschen? Warum müssen sie überhaupt erst “erneut geboren” werden, wenn sie die genetische Mutation bereits in sich tragen und es die eigentliche Verbindung bereits seit ihrer Geburt gibt und wie funktioniert das überhaupt? Warum erfahren wir nichts von anderen Clustern und deren Beweggründen? Ja warum nur?
Ansonsten kann man die Serie getrost auslassen und verpasst wirklich nichts bemerkenswertes. Konzeptionell ist Sense8 sicherlich interessant, aber wenn das kreative Team nicht in der Lage ist aus den Einzelgeschichten irgendetwas neues oder unkonventionelles herauszukitzeln, dann bleibt diese Serie nichts weiter als ein spannendes Konzept, was an seiner Ausführung scheitert, so wie fast alles aus der Feder der Wachowskis.

★★✩✩✩

Trailer

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