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Medialer Zugang Zu Makroökonomischen Zusammenhängen

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Kürzlich bekam ich den Rappel, ich müsse mal makroökonomische Zusammenhänge im Allgemeinen und die Finanzkrise ab 2007 im Speziellen verstehen. Ist ja auch peinlich in einer Ratingagentur zu arbeiten und zwar finanzmathematisch zu verstehen, was da los ist, aber ökonomisch nicht den blassesten Schimmer zu haben.
Ich habe nie wirklich ein besonderes Interesse für Wirtschaft gehabt, den entsprechenden Teil in den Tageszeitungen meist überblättert und die BWL in meinem Studium auf das nötige Minimum reduziert.

Mit der Zeit entwickelte sich jedoch eine gewisse Faszination dafür, wie Märkte interagieren, Währungen ihren Wert bekommen, wie Geld entsteht aber auch wie fragil Finanzmärkte sein können und in sich zusammenfallen können. Es sind die großen Zusammenhänge, die mich primär interessieren.

Nun habe ich mich versucht diesem großen und komplexen Thema von mehreren Seiten zu nähern. Ich sah Dokumentationen, Filme, hörte Podcasts und fing an ein paar Bücher zu lesen.

Im Folgenden stelle ich zusammen, was ich zu diesem Thema so konsumiert habe und bin für weitere Vorschläge offen. Vieles von dem hier aufgeführten kam von Empfehlungen.

Filme

Inside Job

Wenn man sich für die letzte große Finanzkrise interessiert, kommt man nicht an der Doku Inside Job vorbei. Diese erklärt zwar etwas schnell, aber sehr verständlich, welche Faktoren wichtig waren, damit es zu diesem immensen Bankencrash kommen konnte.
Hier werden die Geschäftsmodelle der Banken, Ratingagenturen und Invenstmentbanken aufgedeckt, erklärt wie Kredite für Eigenheime, Staatsanleihen, Ratingagenturen, Lehman Brothers, Credit-Default-Swaps und Rückversicherer, wie AIG zusammenhängen und welche Rolle die amerikanische Politik dabei spielte.

Eine wirklich sehr erhellende Dokumentation, die davon profitiert, wenn man sie ein zweites mal sieht, oder mit etwas Vorwissen in den Film geht.

Margin Call

Die dramatisierte Version von Inside Job stellt die Finanzkrise aus der Perspektive einer namenlosen Investmentbank dar, in der in Risikoanalyst bemerkt, dass eines ihrer Finanzprodukte in naher Zukunft deren Firma in den Ruin treiben kann.

Margin Call bleibt immer zu unkonkret und verschwendet mehr Energie darauf gut auszusehen oder coole Sprüche aufzusagen, als eine kohärente Geschichte zu erzählen, die mehr mit der Thematik zu tun hat, als einer handvoll Stichworte.
Ein sehr enttäuschender Film, der keinerlei Erkenntnisgewinn bringt, dem auch seine hervorragende Besetzung nicht weiter hilft.

Too Big to Fail

Ein Fernsehfilm des Senders HBO mit Paul Giamatti als Notenbankchef Ben Bernanke, der auch wieder die Finanzkriese zum Thema hat. Hier werden die Perspektiven der Investmentbanken eingenommen, die alle kurz vor dem kollabieren sind sowie die des derzeit amtierenden Finanzministers Henry Paulson (William Hurt), der versuchte den finanziellen Zusammenbruch zu verhindern.

Der Film basiert auf dem Buch Too Big to Fail: The Inside Story of How Wall Street and Washington Fought to Save the Financial System—and Themselves und gibt daher einige interessante Einblicke hinter die Kulissen der Banken und die stattgefundenen Verhandlungen.

Too big to Fail hat mich positiv überrascht und ist in jedem Fall eine Empfehlung, so Interesse für dieses Thema besteht. Das kann man von Fernsehfilmen ja auch nicht immer sagen.

Capitalism: A Love Story

Michael Moore greift mal wieder gehörig ins Klo und stellt in seiner Dokumentation über die Finanzkrise allein eine Reihe von Human-Interest-Stories zusammen, die zwar alle recht bedenklich sind, jedoch nie als mehr als Einzelfälle dargestellt werden. Moore versäumt es klare Fragen zu stellen und auch nur eine einzige Frage zu beantworten. Statt dessen füllt er die bereits zu lange Spielzeit mit bekloppen Einzelaktionen, die seine angestrebte Zielgruppe, die augenscheinlich nur dazu in der Lage ist dieses Thema auf Klatschpressenniveau zu rezipieren, wahrscheinlich amüsieren.

Ein schlimmer Film, der tatsächlich nichts anderes erreicht, als zwei Stunden Zeit zu verbrennen. Finger weg!

Der Banker – Master of the Universe

Ein ehemals führender Investmentbanker im Ruhestand plaudert aus dem Nähkästchen aus der Zeit des Aufschwungs und wie es seiner Meinung nach zur Finanzkrise kam. Dabei reichert er die Unterhaltung mit zahreichen, teils spannenden teils hahnebüchenen, Anekdoten an. Kulisse ist ein verlassenes Bankgebäude im Frankfurter Bankenviertel.

Diese Dokumentation ist vor allem deshalb besonders schön, weil sie mal eine deutsche Sicht auf das Thema liefert.

ENRON: The Smartest Guys in the Room

Diese Dokumentation basiert auf dem gleichnamigen Buch von 2003. Hier wird die Firmengeschichte Enrons beleuchtet, die von einem mittelgroßen Erdgasanbieter zu einem der weltweit größten Energiehändler wurden. Über viele Jahre strickten Teile der Führungsetage ein immer verworrenderes Netz aus Bilanzschönigungen und massiven Betrügereien, um deren Aktienkurs künstlich in die Höhe zu treiben, bis das ganze dann 2001 kollabierte.

Ein schönes Beispiel, wie Marktmacht, Arroganz, Bullytum und unregulierte Märkte exploited werden und am Ende wieder in sich zusammen fallen können. Beeindruckend.

Money for Nothing: Inside the Federal Reserve

Hier wird recht ausführlich über die letzten 100 Jahre der amerikanischen Zentralbank gesprochen, wie die letzten Chefs der Federal Reserve Bank mit dem privaten Wirtschaftssektor verkoppelt sind und wie sie mit ihren Entscheidungen den Kapitalmarkt und damit die Weltwirtschaft beeinflussten.
Ein Thema, von dem ich bisher keine Ahnung hatte, wurde mir hier gut nähergebracht. Auch eine Empfehlung.

Wall Street

Diesen Film über Insidertrading kannte ich vorher nicht und passte gut ins Thema rein. Ein toller Film, der zu Recht ein Klassiker ist.

Podcasts

Ich höre ja auch viele Podcasts und bekam bei einer Frage auf Twitter nach Material zu diesem Thema in Erinnerung gerufen, dass Alternativlos vor einer Weile über Geld gesprochen hat. Das Doppelpack aus Folge 16 und 17 gibt einen weiteren guten Überblick aus einer anderen Perspektive.

Alternativlos Nr. 16

In der Sendung geht es um das Konzept von Geld, Währungen und Geldpolitik und vor allem, wie Geld geschaffen wird und seine Bedeutung bekommt.

Alternativlos Nr. 17

Mit einem Gast, der beruflich an der Börse Handel treibt, sprechen Fefe und Frank über Aktien, Derivate und die Börse.

Bücher

The Signal and the Noise: Why So Many Predictions Fail – But Some Don’t

Nate Silver schreibt ein Buch über statistische Phänomäne, statistische Voraussagen und wie diese zu deuten sind am Beispiel von Baseball, Wetter, Poker und der Börse. Die Kapitel zur Börse sind verdammt interessant und eine absolute Empfehlung. Die Kapitel zu Baseball und Wetter brachten nicht viele neue Erkenntnisse bzw. waren nicht sonderlich spannend.

Goodreads Link

The Undercover Economist Strikes Back: How to Run-or Ruin-an Economy

Dieses Buch von Tim Harford ist eine makroökonomische Einführung in konversationellem Stil mit vielen Beispielen zur Veranschaulichung der Konzepte. Ich bin noch nicht besonders weit, aber es liest sich ganz gut weg.

Goodreads Link

Capital in the Twenty-First Century

Capital in the Twenty-First Century vom Franzosen Thomas Picketty ist dann das nächste Buch auf meinem Stapel, das sehr tief in das Thema einsteigt und das ich dann hoffentlich mit dem bisherigen Vorwissen auch zufriedenstellend durchdringbar ist.

Goodreads Link

Fazit

Alles in allem zeigte dieses Experiment, dass es tatsächlich möglich ist, sich auch komplexe Themen nicht ausschließlich über Fachbücher zu erarbeiten. Ich sehe natürlich, dass mir Dokumentationen auch nur einen schmalen Ausschnitt der Realität aus der Sicht des Filmemachers liefern und man das alles immer mit einem Körnchen Salz genießen sollte.
Primär sollten mir diese Filme aber auch nur einen Überblick über die Breite des Themas und eine Erklärung der angesprochenen Sachverhalte liefern. Ich würde sagen, dass dies zufriedenstellend geleistet wird. Vertiefung und Detailwissen wird nun über Bücher kommen.

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