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The West Wing - Rewatch

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Ich habe gerade meinen zweiten kompletten Durchmarsch durch The West Wing hinter mir und wollte einmal zurück blicken.
Seit ich die Serie vor ein paar Jahren erstmalig sah und in mein Herz sch1oss, habe ich die ersten 2 Staffeln vier mal und die beiden Folgenden zwei mal gesehen. Diese ersten vier Staffeln — nach denen Aaron Sorkin das Zepter aus der Hand legte — gefielen mir schon beim ersten Mal am besten und sind mein persönliches TV-Comfort-Food. Immer, wenn ich tolles Fernsehen schauen möchte und mich nicht auf etwas neues konzentrieren möchte, bzw. vorher wissen möchte, dass ich gut unterhalten werde, schalte ich eine Folge aus diesen vier Staffeln ein.

Die ersten beiden sind leicht, komisch und voller Wärme und fühlen sich einfach gut an, während die beiden Folgenden thematisch etwas ernster werden, jedoch nichts von an Zwischenmenschlichkeit, pointierten Figuren und Idealismus verlieren.

Diese vier Staffeln sind tatsächlich perfekt, was ich bei diesem Durchlauf wieder feststellte. Von diesen ~65 Episoden sind tatsächlich gerade mal 3 “bloß gut”, während der Rest zwischen hervorragend und Perfektion schwankt. Gerade deshalb hatte ich etwas Angst dieses mal weiter zu schauen, denn ich wusste noch, dass die nächsten 1,5 Staffeln eher mittelmäßig waren und darauf hatte ich eigentlich keine Lust.
Aber es kam alles noch viel schlimmer als gedacht. Staffel 5 (genauer dessen ersten 16 Folgen) sind nicht nur Mittelmaß, sondern ein ziemlich großer Haufen Scheiße.

Dazu muss ich folgendes einschieben. The West Wing ist für mich nicht in erster Linie ein Work-Place-Drama, in dem es amerikanisthe Politik geht, sondern eins, in dem es um ganz wundervolle, intelligente und redegewandte Menschen geht, die die Welt verbessern wollen. Der Plot war für Sorkin nur das Vehikel, um Geschichten über die beteiligten Personen zu erzählen, ihren Charakter genauer zu beleuchten (auch wenn er selbstverständlich gerne den Oberlehrer mimt) und dabei fast immer zweitrangig.

Nach Sorkins Ausstieg änderte sich dieser Ansatz und damit die komplette Serie. Anf einmal stand der Plot im Vordergrund und die Figuren gerieten ins Nachtreffen.

Aus diesem Grund sind diese 16 Episoden so schlecht, denn diese machen nicht einmal den Plot-Aspekt gut, sondern sind langweilig, hölzern und sind im Kontrast zu allem was davor kam nicht im Geringsten vergleichbar.

Diese Talphase war beim zweiten mal viel heftiger — wenn auch kürzer — als beim ersten, denn jetzt hatte ich ein genaues Gefühl dafür, was der Grund war, inwiefern sich die beiden Serienhälften genau unterschieden.

Wenn man sich erstmal damit abgefunden hat, dass The West Wing zwei komplett verschiedene Serien in einer ist und eine beschissene Übergangsphase von 16 Folgen hat, kann man sich ganz gut damit arrangieren und schnell wieder große Freude mit den verbleibenden zwei Staffeln haben.

Was ich der Serie wirklich hoch anrechne (auch und vor Allem in Hinblick auf solche Work-Place-Dramen wie The Newsroom) ist, dass es ein solches bleibt und nicht zu einer mittelklassigen RomCom verkommt, bei der jede mit jedem, nur weil sie zusammen arbeiten.
Ein großes Zeichen für West Wings Selbstbewusstsein ist die Austauschbarkeit des Casts. Scheiden Schauspieler aus, werden sie nicht lang und breit herausgeschrieben, sondern sind in der nächsten Episode einfach nicht mehr mit dabei. Und sie können es sich leisten, denn die Serie ist so vollgestopft mit tollen Figuren, dass kaum jemand ein merkliches Loch hinterlässt.

Durch den Fokus auf die Figuren, kommen wir ihnen näher, lernen ihre Stärken, Schwächen, Vorlieben und Feindbilder kennen und so schafft es The West Wing auch in den Fernseholymp aufzusteigen, in dem diejenigen sitzen, die es schaffen, Szenen in denen zwei oder zehn Menschen zusammen sitzen und sich miteinander unterhalten, zu den besten der Serie zu machen.

Auch dieser zweite Durchlauf hat sich total gelohnt. Ein massiver Vorteil war, dass ich mich nicht mehr auf politische Feinheiten konzentrieren musste, eben nun auch wusste, dass diese eigentlich nebensächlich sind, sondern mich auf die tollen Figuren und vorzüglichen Dialoge sowie deren Vortrag konzentrieren konnte.

Auf meiner All-Time-Bestenliste sortiert sich The West Wing direkt nach The Wire ein und sei damit allen (die noch nicht durch meine Twitterpräsenz in den letzten Wochen schon total genervt sind) noch einmal wärmstens empfohlen.

★★★★★
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Hier der Link zu meinem Artikel nach meinem ersten Durchlauf, in dem ich eher ein klassisches Review geschrieben habe.
The West Wing (Recap) – hirnrekorder

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