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12 Years a Slave

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Steve McQueen ist ein problematischer Filmemacher. Er kommt aus einem künstlerischen Hintergrund, in dem er viele Installationen machte. Nun würde ich einmal ganz naiv unterstellen, dass Kunst durch Abstraktion und Distanz beim Rezipienten Emotionen hervorrufen möchte. Mit Abstraktion als wesentlichem Stilmittel.
Diesen künstlerischen Ansatz hat McQueen mit in den Film genommen und geht seine Langfilme wie eine Kunstinstallation an, in dem er ein quälendes Einzelschicksal nimmt und alles (für ihn) unwesentliche wegabstrahiert, so dass nur der schlimme und qualvolle Kern der Geschichte übrig bleibt.
Das konnte man bisher am stärksten bei Hunger — seinem Debütfilm — sehen, in dem ihm der gesamte politische Hintergrund vollkommen egal gewesen ist sondern ausschließlich Katalysator dafür ist, dass sich die Hauptfigur überhaupt in der vorliegenden Misere befindet.
Hier störte mich sein Ansatz nicht die Spur. Im Gegenteil. Hunger ist so ein visuell und stimmungsvoll exquisiter Film, dass die Geschichte unterm Mikroskop wunderbar funktioniert.

In Shame — dem Nachfolger — schwächt McQueen seine Abstraktion etwas ab, bringt eine zweite, ähnlich wichtige Figur ins Spiel und lässt neben innerem Konflikt, Selbstzerstörung und Qual auch positive Emotionen — zumindest stellenweise — zwischen dem Geschwisterpaar zu, was dem Zuschauer wenigstens kurze Verschnaufpausen zugesteht und so der nächste Schlag in die Magengrube viel mehr sitzt.

12 Years a Slave

In seinem jüngsten Streich — 12 Years a Slave — verfällt McQueen wieder in alte Muster. Der Film, der in Teilen auf der wahren Geschichte von Solomon Northup basiert, handelt von einem Afro-Amerikaner, der mit seiner Familie in Freiheit in Wahington lebt und Geiger ist. Auf einer beruflichen Reise findet er sich eines Morgens in einem Keller in Ketten wieder und wird in einen südlichen Bundesstaat in die Sklaverei verkauft. Die folgenden zwei Stunden begleiten ihn nun dabei, was er alles tut, bzw. nicht tut, um zu überleben.

Nun ist 12 Years a Slave ein mehr als adäquater Film, der mit sicherer Hand fotografiert und geschnitten wurde und eine wichtige Geschichte zumindest zu erzählen versucht. Nun muss er sich aber auch einige Kritikpunkte gefallen lassen, denn in erster Linie — und das nervte mich am meisten — ist er extrem einseitig. Wir bekommen seine 12 Jahre in Sklaverei in Ausschnitten vorgesetzt und ein Blick in sein Leben ist schlimmer als der vorige. Wir bekommen ausschließlich die Unterdrückung, Degradierung, Folterung und Vergewaltigung zu sehen und nicht in einer Sekunde die Suche bzw. das Finden von Glück, Freundschaften oder Zufriedenheit in noch so kleinen Momenten. Nein. Daran ist McQueen nicht im Geringsten interessiert. Wir sollen leiden, nicht die geringste Hoffnung verspüren, nicht eine Minute lang verschnaufen. Erinnert euch das nicht auch an Torture Porn? Auf mich hatte der Film jedenfalls genau diesen Effekt und ich damit genau die falsche Reaktion. Ich stumpfte vollkommen ab während ich den Film sah. Die schlimmste Folter, die größte Ungerechtigkeit zum Ende waren mit vollkommen egal, so langweilig wurde diese grausame Monotonie.

Nun habe ich das Buch nicht gelesen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses auf genau die gleiche Art und Weise funktioniert. Damit macht sich McQueen diese Geschichte zu Eigen, um vor dessen Hintergrund seine filmgewordende Kunstinstallation zu inszenieren. Qual und Folter. Die eigentliche Geschichte, die Verbindungen und Beziehungen die der Protagonist aufbaut, sind McQueen völlig egal. Er will schockieren und aufwühlen und das finde ich bei einem solchen Thema und vor dem Hintergrund einer wahren Geschichte einfach falsch. Müssen jedem zweiten Film diese unsäglichen Worte “based on a true story” vorangestellt werden, wenn dem Filmemacher doch überhaupt nichts an der true story liegt? Die Hoffnung ist wohl beim Zuschauer eine stärkere Reaktion auszulösen, weil solch schlimmen Sachen angeblich passiert sind. Was für ein billiger Trick. Wenn so mit dem Originalmaterial umgegangen wird, was soll ich dann von dem Rest des gezeigten denken? Ist das meiste ausgedacht? Oder ist der Rest tatsächlich wahr? Wenn so schluderig, bzw. egoistisch mit dem Quellmaterial umgegangen wird, kann ich den Rest des Filmes auch nicht ernst nehmen. Tut mir leid.

Trotz aller Kritik bleibt 12 Years a Slave ein sehr guter, herrausragend gespielter und toll geschossener Film, der dem Zuschauer einiges abverlangt. Definitiv eine Empfehlung, aber eben mit einigen Vorbehalten.

★★★★✩

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