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Re: Über Den Online-Filmjournalismus – Alles Umsonst?

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Dies ist ein etwas zu lang geratener Kommentar zum Artikel auf filmosophie mit dem Titel Über den Online-Filmjournalismus – Alles umsonst?.

Sophie von filmosophie ist Online-Journalistin und versucht allein von Filmkritik zu leben, merkt aber, dass das nicht wirklich geht, weil das System offenbar ziemlich kaputt ist. Sie erwartet, dass sie für Arbeit, die sie leistet angemessen bezahlt wird und das ist sicherlich verständlich, nur verkauft sich die gesamte Branche unter Wert und deshalb sehe ich nicht unbedingt, dass das Problem an den Auftraggebern liegt.

Einerseits beschweren sich “Filmkritiker”, dass sie nichts für ihre Texte verdienen, anderseits überschlagen sie sich, wenn sie nach viel Heulerei für Filmfestivals akkreditiert werden, nur um dafür umsonst PR machen zu können. Für fast alle, die über Filme schreiben scheint es genug zu sein, dass sie für Umme ein paar Tage vor allen anderen einen Film im Kino sehen dürfen oder ein Rezensionsexemplar eines Mittelklassefilms mit Wasserzeichen, Farbfehlern, schwarz/weiß-zu-Farbe-Wechseln und ähnlichen Schikanen in den heimischen Briefkasten bekommen. In den meisten Fällen ist das dann auch schon die “Bezahlung” für die Zeit, die man sich für das Schauen und Schreiben nimmt. So füttert sich die Umsonst-Kultur Gegenseitig und das ist dann wohl auch ok so.

Warum sollten “Filmkritiker” im Netz für ihre Arbeit bezahlt werden, wenn sie mit ihren Texten keine Einnahmen generieren? Denn warum sollte Joe Schmoe Filmbuff Geld auf einer Plattform für Filmcontent lassen, wenn die dort geschriebenen Texte nicht ausreichend gegen den Hobby-Filmblogger herausstechen, nicht unverzichtbarer Lesestoff sind, keine notwendige Diskussionsgrundlage sind?
Und wie soll das auch gehen, wenn man sich gerade 90min Zeit für einen Text nimmt, aber nicht gleichzeitig ein verdammt talentierter Schreiberling ist?

Es ist doch so, dass die wenigsten es schaffen aus einer Filmbesprechung etwas besonderes zu machen. Für mich muss eine “Kritik” mindestens eine von zwei Funktionen erfüllen. Entweder soll sie mich unterhalten, oder neue Erkenntnisse schaffen.
Was bringt mir eine in Prosa gefasste IMDB Info-Page, die mit Informationen angereichert sind, die auch im Trailer abgefrühstückt wurden, damit man bloß den Film nicht spoilert? Jehova!
Ich will Meinung, Witz, persönliche Gefühle, prägende und besondere Momente und wenn ich mit dir auf einer Wellenlänge bin und mich ähnliches bewegt, dann komme ich wieder und lese auch deinen anderen Kram, ja würde sogar nen Taler dalassen, um dich lesen zu können.
Diesen langweiligen, fahlen 08/15 Quatsch kann ich bei jedem zweiten Hobbyblogger lesen. Dazu muss ich nicht auf ein Film-Journalismus-Portal, dazu muss ich kein Geld dalassen und deshalb könnt ihr auch nicht bezahlt werden.
Macht euch und eure Texte zu einem Happening, inszeniert euch, macht euch unübersehbar. Seid der Grund wegen dem der Leser die Webseite klickt, auf der ihr veröffentlicht. Wer sonst verdient schon mit einem Nischenprodukt so viel Geld, dass es zum Leben reicht.

Denn seien wir mal ehrlich. Filmjournalismus ist ein verdammtes Nischenprodukt. Es würde mich wundern, wenn der “Durchschnittsbürger” viel mehr als zwei Filme im Monat im Kino oder halbaktuell aus der Videothek schaut. Entsprechend gering ist auch der Bedarf an einer kritischen Auseinandersetzung mit diesen, wenn der Bedarf überhaupt für die meisten existiert. Gerade wenn man es mir normalem Nachrichtenkonsum vergleicht und dass dessen Erstellung nicht von jedem zweiten auf deren privaten Blog übernommen wird. Darüber hinaus wird diese Nische mit Hobbyisten bepflastert, wie sonst keine. Warum auch nicht? Filme und Serien sind Freizeitprogramm, um nicht total Stulle zu wirken möchte ich vielleicht in der Lage sein darüber zu reden, also sortiere ich meine Gedanken dazu als kleine Fingerübung vorher in Textform und lasse andere an dem Prozess teilhaben. So mache ich das hier jedenfalls. Ich habe Interesse daran, mich mit konsumierter Kultur auseinander zu setzen, denn ich habe gerne eine Meinung und meine Meinung bilde ich mir, indem ich darüber schreibe und mir selbst erkläre, warum ich etwas mochte, oder eben nicht. Quasi ist dieses Blog mein kulturelles Verdauungsorgan. Falls das jemanden interessiert ist das schön, wenn nicht ist mir das offen gesagt scheißegal. Ich will damit kein Geld verdienen, denn ich habe meinen Return on Investment in dem Moment, wenn ich den Text fertig geschrieben habe.
Ich bin mir sicher, dass es vielen damit ähnlich geht und deshalb wird es immer Blogposts oder Podcasts zu diesen Dingen geben und alle, die diese mit einer ähnlichen Prämisse erstellen, sind damit zufrieden.

Neben der thematischen Nische sind also auch Texte zu diesem Thema alles andere als rar. Dagegen hilft nur, aus der Masse herauszustechen und eine Bindung zum Leser aufzubauen. Es ist nicht ohne Grund, dass ich seit Jahren ziemlich genau 5-6 Orte habe, an die ich mich wende, wenn ich etwas über Filme erfahren möchte und die ändern sich so gut wie nicht. Ich lese keinen x-beliebigen Text, sondern den, dessen Autor ich vertraue, verstehe oder von dem ich etwas lernen kann. Und all diese Menschen haben etwas gemein — sie sind entweder außergewöhlich gute Schreiber, haben Witz oder einen besonderen Blickwinkel. Genau das fehlt den meisten, darum sind deren Besprechungen so beliebig, darum möchte auch niemand Geld dafür bezahlen.

Selbstverständlich kann nicht jeder der nächste Roger Ebert werden, aber das sollte doch zumindest in der einen oder anderen Form das Ziel sein. Seine Kritiken waren brillant geschrieben, hatten einen eindeutigen Blickwinkel und oft einen emotionalen, sehr persönlichen Aspekt. Über seine Kritiken wurde (und wird) geredet, sie waren in gewissen Kreisen ein fast ebenso großes Ereignis wie der besprochene Film selbst.

Also entwickelt eine Stimme, eine Persönlichkeit, einen besonderen Blick auf die Dinge. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich sonst etwas ander Situation ändern wird. Seid einfach besser als die anderen, seid die Klick-Generatoren, macht euch zu einem Fang. Mit Beliebigkeit hat noch niemand Geld verdient.

Nachtrag: Da ich mit meiner Antwort nicht die Diskussion in den Kommentaren bei filmosophie hijacken wollte, sollten mögliche Kommentare doch in der Kommentarsektion ihres Artikels hinterlassen werden.

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