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Before Midnight

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Das hier soll keine Filmbesprechung werden, das können andere besser, vielmehr möchte ich beschreiben, was die Before-Trilogie im Allgemeinen und der jüngste Teil im Speziellen für mich zu so etwas besonderen macht.

Before Midnight

Ich habe in diesem Jahr Teil eins und zwei wiederholt und mag diese nach wie vor sehr gerne. Beide schaffen es verdammt gut eine Zeit und ein Lebengefühl einzufangen. In Before Sunrise beobachten wir jugendliche Naivität, die Überzeugung die Welt bereits verstanden zu haben und wie der Funke zwischen zwei Menschen hinüber springt.
Before Sunset zeigt uns, wie die beiden Protagonisten mitten im Leben stehen, familiäre oder berufliche Verpflichtungen haben, ihre Unzufriedenheit in deren Leben und wie sie damit hadern, ihr Leben vollkommen auf den Kopf zu stellen. Sie sind erwachsener, zynischer und weniger verträumt geworden, kommen jedoch durch ihr Zusammentreffen wieder zurück in den Mindset von vor neun Jahren und realisieren, dass ihr Leben nicht so ausweglos ist, wie es scheint.

Die diesjährige Inkarnation der Filmreihe zeigt uns, wie das Paar mitten im gemeinsamen Leben steht, eine eigene Familie mit zwei Töchtern hat und sich offenbar nach Teil 2 alles zum Guten wendete. Sie sind am Ende eines schs-wöchigen Sommerurlaubs in Griechenland, an dem auch Jesse’s Sohn, der sonst mit seiner Mutter in Chicago lebt, teilnahm. Und auch hier begleiten wir Jesse und Céline an einem weiteren Tag in deren Leben.

Die Before-Reihe ist ein klassisches Beziehungsdrama. Jedenfalls auf dem Papier, denn die Filme zeigen uns etwas vollkommen anderes als jeder ander Film. Fast alle Filme dieses Genres konzentrieren sich auf den will they/won’t they-Aspekt und die sich anschließende frühe Beziehungsphase, dem Kennenlernen, der jungen Liebe, dem Blick durch die rosarote Brille und meist einem Erlebnis, das diese Beziehung wieder zum Zerbrechen führt.
Richard Linklater hingegen schafft es die will they/won’t they-Phase auf zwei Momente in ihrem Leben einzudampfen und innerhalb von zwei langen Gesprächen zwischen den beiden alles zu sagen, was sie wissen müssen, um ihre Entscheidung zu treffen.
Er überspringt die frühe Beziehungsphase komplett und zeigt uns in Before Midnight eine reife und erwachsene Beziehung, die aufeinander eingespielt ist, Streitkultur entwickelt hat, Sexualität routiniert und sich die Macken des anderen zu einem Berg an Unzufriedenheit aufgebaut haben.

Ich bin mit meiner Freundin in einer sehr ähnlichen Beziehungsphase nur ohne die Kinder und 10 Jahre jünger, aber dreizehn Jahre zusammen und ich habe mich (bzw. uns) noch nie so gut (in dieser Hinsicht) in einem Film wiedergefunden.

Es ist die eine Szene im Hotelzimmer (die etwa den halben Film einnimmt), die den Film für mich ausmacht. Sie bekommen für einen Abend und der anschließenden Nacht frei von ihren Kindern und anderen Verpflichtungen und haben so Zeit für sich, die sie genießen wollen. Auf ihrem Weg zum Hotel sind sie bereits in ein intensives, aber auch belangloses Gespräch verwickelt — Themen der Weltanschauung bzw. intime Details finden hier im Gegensatz zu den beiden Vorgängern nicht statt; man kennt sich ja schon — welches sie im Hotel fortführen, während sie sich nebenbei zum Sex “vorbereiten”. Dieser Prozess ist derart entromantisiert, eingespielt und effektiv, wie es nunmal in einer langen Beziehung — zumindest aus meiner Erfahrung — stattfindet.

Nichts nervt mich mehr, als in Filmen ein Ehepaar zu sehen, das sich für den Beischlaf Rosenblätter aufs Bett streut, heiße Unterwäsche anzieht und so tut, als kämen sie gerade von der prom night. Sicherlich gibt es diese Situationen, aber sie als die Normalität zu verkaufen ist peinliche Augenwischerei.

Jedenfalls kippt die Unterhaltung und etwickelt sich zu einem ausgewachsenem Streit, der den Rest des Filmes einnimmt. Jesse ist der rationale Part der Beziehung, Céline der emotionale. Jesse möchte mit seiner Partnerin Probleme, die ihn bewegen trocken und emotionslos durchsprechen, Argumente für beide Seiten bekommen, ihre Meinung und Bedenken hören, um am Ende eine informierte Entscheidung zu treffen.
Céline hingegen wertet das in-den-Raum-stellen einer Meinung bzw. Möglichkeit schon als in Stein gemeißelte Entscheidung und reagiert entsprechend emotional und ungehalten.

Woher kommt mir das bloß so bekannt vor?

Dieser Streit ist wohl das beste Stück Dialog und Storyentwicklung, was ich dieses Jahr gesehen habe. Es wird nicht dick aufgetragen, es ist nicht theatralisch, es fliegen keine Gläser, sondern man sieht, dass sich beide schon oft gestritten haben, sich eine Streitkultur etabliert hat, jeder mit für sich ausweglosen Situationen im Streit anders umgeht, und vor allem, wie eine Kleinigkeit eskaliert und auf einmal alle aufgestauten Probleme auf den Tisch gepackt werden, weil der andere bei einem zu guten Argument des anderen nicht nachgeben will und daher die nächstgrößere Waffe im Arsenal auspackt.
Irgendwann stürmt Céline wutentbrannt aus dem Zimmer, weil sie nicht weiter weiß, aber merkt, dass der Streit schon lange nicht mehr um das geht, womit sie begonnen haben.

Jesse macht keine Anstalten ihr hinterher zu gehen, sonder wirft frustriert sein Gesicht in die Sofakissen, denn er weiß — und auch das ist ein Teil der natürlich gewachsenen Streitkultur — dass sie nur einen Moment benötigt, um sich zu sammeln, den emotionalen Aspekt abkühlen zu lassen und ohne weiter ein Wort über die ausgetauschten Gemeinheiten zu verlieren, am Ausgangsthema weiter zu diskutieren.

Während der zweiten Hälfte des Filmes war ich so angespannt, traurig und wütend, wie wenn ich mich streite, denn bei uns läuft das — in den sehr seltenen Fällen — fast genauso ab. Und wo sieht man das schon? Wo hört man das? Und wer erzählt einem das?
Ich habe keinen Freund, der in einer ähnlich langen Beziehung steckt wie ich und ich höre ausschließlich von diesen Kindergartenstreitereien, bei denen noch Grundsätzlichkeiten ausdiskutiert werden müssen, Türen fliegen, tagelang nicht miteinander gesprochen wird und mindestens eine Partei tage- oder wochenlang nachtragend ist. Und ich verstehe diese Menschen nicht. Sicherlich muss man sich aneinander reiben und je älter man beim Start einer Beziehung ist, desto entwickelter ist die eigene Persönlichkeit und desto sicherer ist man mit seinen Ansichten. Entsprechend klar ist es, dass der Raum für Kompromisse immer größer und die Bereitschaft einen Kompromiss zu finden immer kleiner wird.
Um so wichtiger ist eine erwachsene Streitkultur. Wem bringt dieses elende und endlose Drama etwas? Warum versuchen so viele Menschen den Streit, der so wichtig in einer Beziehung ist zu so einer unbequemen Tätigkeit zu machen. Am Ende des Tages will ich doch eine gemeinsame Basis mit meinem Partner schaffen und diesen nicht verprellen.

Jedenfalls frage ich mich bei ausnahmslos jedem meiner Freunde und Freundinnen, was mit ihnen nicht stimmt, warum sie so fürchterlich streiten und denke manches Mal, dass ich damit vielleicht alleine bin. Dass ich der Ausnahmefall bin, dass alles andere die Normalität ist.
Denn — um auf Before Midnight zurück zu kommen — porträtiert kein Film, der mir in den Sinn käme, die unbequemen Seiten einer Beziehung so, wie ich das persönlich erlebe. Nur warum? Bin ich tatsächlich ein Ausnahmefall und alle Filmemacher und Autoren streiten sich wie meine Freunde? Oder lässt sich nur diese Streitkultur akzeptabel inszenieren? Muss das Drama immer in Form von fliegenden Tellern, Tränen, bedeutungsschwangerer Musik und theatralisch reagierenden Partnern direkt auf der Leinwand stattfinden? Oder wird vielleicht nur das geschrieben und gefilmt, was das Gros des Publikums kennt, damit sich diese identifizieren können und falle ich dabei einfach hinten runter?
Kann das Drama nicht zwischen den Zeilen stattfinden, durch Körpersprache, Nebensätze und anderweitig transportiertem Wissen über die Vergangenheit der Beziehung impliziert werden? Genau das tut Before Midnight und das ist es auch, was diesen Film für mich zu so etwas besonderem macht.

Es gibt wirklich sehr wenige Filme in denen ich mich so richtig wieder finde und keinen, der einen so wichtigen menschlichen Aspekt so sehr thematisiert und in meinen Augen so treffend darstellt. Neben dem Echtzeitaspekt dieser Filmreihe, die einen wesentlichen Beitrag dazu leistet das Gefühl zu bekommen eine echte und gewachsene Beziehung zu sehen ist es natürlich das phänomenale natürliche Schauspiel von Ethan Hawke und Julie Delpy, die in keiner Sekunde so wirken, als würden sie Dialoge aufsagen. Man merkt dieser Welt und den Figuren, die darin leben eine enorme Tiefe an, die nie explizit ausgesprochen wird, nie durch Eposition vermittelt wird und nie vom Regisseur besonders betont wird, nur um zu zeigen wie verdammt clever er doch ist.
Nein. Die Figuren kennen ihre gemeinsame Geschichte und greifen auf diesen Fundus zurück, ohne den Zuschauer an die Hand zu nehmen.

Auch wenn es eine der Konstanten der Filmreihe ist, dass wir nur zufällig an einem Tag in deren Leben teilnehmen und nie für die Kamera oder den Zuschauer gespielt wird, so ist es in Before Midnight doch am beeindruckendsten. So viel gemeinsamen Hintergrund vorauszusetzen, der sich in jeder Dialogzeile, jeder Berührung — sei sie bewusst oder routiniert — und eben der Diskussions- und Streitkultur wiederspiegelt ist eine Leistung, die Ihresgleichen sucht.

Before Midnight ist ein ganz besonderer Film, zu dem ich eine tiefe innere Verbundenheit aufgebaut habe, der mich versteht und der einen Aspekt aus meinem Leben so wiedergibt, wie ich ihn erlebe. Ich weiß nicht, wie Du dich dabei fühlst, aber für mich ist das etwas ganz besonderes.

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