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Gravity

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Sieben Jahre ist es jetzt her, dass Alfonso Cuarón mit Children of Men seinen letzten Langfilm in die Kinos brachte. Mit diesem Film etablierte Cuarón seinen betörenden visuellen Stil mit technisch hochkomplexen Plansequenzen, die durch den Echtzeitaspekt, die fehlenden Schnitte und die dadurch fehlenden wechselnden Perspektiven und eingeschränkten Blickwinkel eine immense Spannung erzeugen. Diesen Stil treibt Cuarón nun mit seinem aktuellen Film Gravity zur Perfektion auf die Spitze.

Gravity

Doch warum überhaupt diese Vorrede? Gravity ist in erster Linie ein Kinofilm im direktesten Sinne des Wortes. Dieses visuelle Spektakel, was so ziemlich alles, was zuvor kam in den Schatten stellt, diktiert den Gang zum lokalen Multiplex, in den Saal mit der größten Leinwand und idealerweise einer Projektion in 3D.

Die erzählte Geschichte, die Charakterentwicklung und das menschliche Drama sind dermaßen trivial, dass sie nur als Transportmedium für atemberaubendes Kinospektakel dienen, denn in Gravity geht es nicht um viel.
Eine unerfahrene Astronautin gerät wärend einer Reperaturmission in einen Schwarm Weltraumschrott, der dafür sorgt, dass sie vom Einsatzleiter getrennt wird, herrenlos durchs Weltall taumelt und ums nackte Überleben kämpft.
Jeder wird erahnen, wie die einzelnen Stationen des Films aussehen und wo der Film enden wird. Keine Überraschungen, kein Netz, kein doppelter Boden, kein Twist, nix. Und das ist nicht schlimm, so lange man vor der größten Leinwand mit einer 3D-Brille hockt, völlig Dolby Atmos umhüllt wird und sich komplett einsaugen lassen kann.

Für diese 90 Minuten ist man gefangen im Weltall, angespannt, vergisst das Atmen, ist beeindruckt von allem, was sich einem visuell bietet und möchte eigentlich nicht, dass diese unglaubliche Achterbahnfahrt je endet.
Verlässt man den Saal bleibt jedoch nichts von diesem Film übrig. Man kann nicht darüber diskutieren, Entscheidungen in Frage stellen, oder ihn ansonsten positiv sowie negativ auseinander nehmen. Dafür gibt der Film einfach nichts her. Gravity ist nichts weiter als eine wundervolle, aufregende und perfekt gemachte leere Hülle und das wird den Film meiner Ansicht nach auf dem heimischen Fernseher unschaubar machen, weshalb jeder die Gelegenheit nutzen sollte und den Film im Kino sehen sollte, so lange er noch läuft.

Nun gibt es (mindestens) zwei Varianten diesen Film zu rezipieren. Einerseits so, wie ich das bisher beschrieben habe — als Geschichte über eine Frau, die sich in Not befindet und sich versucht selbst zu retten — oder als Metapher für Trauer.
Die weibliche Protagonistin Ryan Stone (Sandra Bullock) verlor vor Jahren ihr vierjähriges Kind und damit jede Begeisterung für ihr eigenes Leben. Diese Hintergrundinformation wird benutzt, um gewisse Entscheidungen und Starre-Momente Ryan’s zu motivieren. Aber ist das überhaupt notwendig? In jedem Fall wirkt es nachträglich an den Film drangeflanscht, denn wir erinnern uns; Ryan ist eine unerfahrene Wissenschaftlerin auf ihrer ersten Weltraummission. Selbstverständlich ist sie mit der Situation überfordert, wenn um sie herum alles in die Luft fliegt, selbstverständlich verlassen sie irgendwann die Kräfte, wenn sie stundenlang in eisiger Kälte und ohne Sauerstoff ums blanke Überleben kämpft. Selbstverständlich streckt sie irgendwann resigniert alle Viere von sich, wenn ihr das fünfte Hindernis in den Weg geworfen wird und selbstverständlich reißt sie sich irgenwann zusammen, rafft all ihre Kraftreserven zusammen und versucht einen letzten Anlauf. Für all das braucht der Zuschauer doch keine halbgare Backstory. Das Setup ist eigentlich so schön einfach gewählt und trotzdem sind alle Voraussetzungen und Charaktermotivationen da.

Diese Trauermetapher gibt dem Film zwar eine weitere Ebene, aber nicht wirklich Tiefgang oder neue Erkenntnisse, wie vielleicht ein Zuschauer in einer ähnlichenden Situation mit seiner Trauer umgehen könnte. Hier wird mit dem ganz breiten Pinsel gemalt. Sie erleidet Verlust, muss lernen loszulassen, kommt aus eigener Kraft aus der aktuellen Situation heraus, wird neu geboren und lernt wieder alleine auf eigenen Beinen zu stehen. Toll. Ganz toll. Das ist ebenso schwerfällig wie offensichtlich und steht dem Gesamtspaß ziemlich im Weg.
Dieser Aspekt wird den Film auf dem heimischen Fernseher nicht aufregender machen und für das Spektakel im Kino ist er schlicht nicht notwendig.

Abschließend ist zu sagen, dass Gravity das mutigste, spannendste und am besten anzuschauende Spektakelkino ist, was ich wahrscheinlich je gesehen habe. Keine Sekunde zweifelte ich daran dass George Clooney und Sandra Bullock in ihren Weltraumanzügen durchs All taumeln, die Stille, das unglaubliche Sounddesign, die schier endlosen schnittfreien Sequenzen eine Meisterleistung, die ihresgleichen sucht. Dieser Film ist im Kino gut aufgehoben und sollte dort mindestens so lange bleiben, wie seinerzeit Avatar, damit wirklich jeder die Möglichkeit hat ihn da zu sehen, wo er funktioniert.
Um für mich persönlich zu einem Meisterwerk zu werden ist reiner Augenzucker zu wenig und bietet sich nicht eine Sekunde lang dazu an, nochmal darüber nachzudenken. Ein sehr guter, sehr einseitiger Film von dem ich überrascht wäre, wenn er es am Ende dieses Jahres in meine Top 10 schafft.

★★★★✩

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