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Breaking Bad

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(Dieser Text bleibt im Wesentlichen spoilerfrei, nur möge ggf. der vorsichtige Serienschauer, der noch nicht so weit ist, meine Diskussion über die finale Staffel überspringen.)

‘This is a story about a man who transforms himself from Mr. Chips into Scarface.’

Das war der Elevator Pitch, den Vince Gilligan jedem Network vortrug und jedes Mal weggeschickt wurde, bis er bei AMC im Konferenzraum saß. Der Rest ist Geschichte.

Breaking Bad Banner

Plot

Walter White ist Chemielehrer mit Zweitjob beim lokalen car-wash, um Frau und Kinder über die Runden zu bringen. Die Serie steigt dabei ein, als Walter (Bryan Cranston) die Diagnose “Lungenkrebs” bekommt und seine Welt zusammenbricht.
Wie soll er seine Behandlung bezahlen und vor allem, wovon soll seine Familie leben, wenn er diese Krankheit nicht überlebt?

Er beschließt Crystal Meth zu kochen und tut sich dazu mit seinem Ex-Schüler Jesse Pinkman (Aaron Paul) zusammen, mietet sich nen RV, geht in die Wüste und kocht aus dem Stand besseres Meth, als sonst jemand.

Walter findet Gefallen an seinem neuen Beruf, merkt, dass er gut und anderen mindestens intellektuell überlegen ist und durchläuft im Laufe der Serie die verschiedenen Stufen bis zum Drogenimperium mit unterschiedlichem Erfolg.

Jede Staffel markiert den Aufstieg von Walt und Jesse um eine weitere Stufe in der Nahrungskette, den daraus folgenden Konflikten und dem Bestreben den neuen Antagonisten der Staffel zu überwinden und sich so weiter bis an die Spitze hochzuarbeiten.

Die finale, zweigeteilte Staffel untersucht was passiert, wenn Walter White der Kopf seines eigenen Drogenimperium ist, ihn die Dämonen der vergangenen Staffeln einholen und er immer größere Schwierigkeiten damit hat, seine Aktionen gegenüber seiner Familie zu rechtfertigen bis hin zu seinem unausweichlichen Fall.

Kritik

Status Quo vor Breaking Bad

Breaking Bad ist ein reines Produkt des goldenen Fernsehzeitalters und läutet damit dessen Ende ein. Die großen Drama-Serien wie Oz, The Sopranos, The Wire oder The Shield etablierten erstmalig den Antihelden in einer fortlaufend erzählten Geschichte im Fernsehen. Es war vorher nicht vorstellbar dem Zuschauer jede Woche eine Hauptfigur anzubieten, die nicht heldenhaft durchs Leben wandert und eine Geschichte durchlebt, die nicht zumindest am Ende positiv ausgeht. Oz stellte dieses Konzept erstmalig auf den Kopf und bereitete so den Weg für die anderen oben aufgezählten Serien.

Die vergangenen 15 Jahre Seriengeschichte loteten alle erdenklichen Perspektiven auf diese Figuren aus, die sich im grauen bis tiefschwarzen Moralitätsspektrum bewegen. Es sind immer die Menschen, die böses tun, um gutes zu erreichen, aber niemand unserer heißgeliebten Antihelden veränderte sich. Ihr moraler Kompass war ungewohnt böse, aber dort festgestellt.

Meet Walter White

Showrunner Vince Gilligan (The X-Files) hatte mit seinem Protagonisten Walter White etwas anderes vor. Er wollte den Zuschauer minutiös daran teilhaben lassen, wie und warum sich jemand komplett verändert, sich sein moralischer Kompass dreht, seine Motivationen andere werden. Das hat es so vorher noch nicht gegeben und das macht die Serie so besonders.

From Mr. Chips to Scarface

Jaja. Wir haben den Pitch nun dutzende Male gehört und ich will damit auch nicht nerven, aber es ist schon beeindruckend zu sehen, wie im modernen und verdammt schnelllebigen Fernsehgeschäft, in dem es immer nur um Ratings geht, so ein Mission Statement nicht eine Sekunde lang aus den Augen verloren wird, sondern immer weiter daran gearbeitet wird. Das dies ohne einen größeren Schluckauf oder merkliche Richtungswechsel funktioniert ist nicht zuletzt der ungewöhnlichen Stabilität des Writers Rooms geschuldet.
Eine vergleichbare Konstanz in Qualität und Einhaltung der Vision über den kompletten Verlauf einer Serie findet man sonst nur bei The Wire. Und The Wire war im Prinzip schon fertig geschrieben, als sie anfingen zu drehen. (Das hat es so sonst auch noch nicht gegeben)

Das Skript

Es ist wirklich eine Erwähnung wert, dass es in den 62 Episoden keine schlechte gegeben hat. Sicherlich startet Breaking Bad in der ersten Staffel recht langsam, hat noch sehr eindimensionale Charaktere und konzentriert sich zu sehr auf Walt und Jesse, aber das sei zum einen dem Autorenstreik und der überwältigenden Aufgabe auf einmal eine eigene Serie zu überblicken geschuldet.

Schon in Staffel zwei ist Breaking Bad eine erstaunlich erwachsene Serie, die sich nicht mehr hinter seinen prominenten Vorgängern zu verstecken braucht und sie schöpft alle Vorteile einer episodischen Serie mit sehr festem Cast voll aus, indem die Figuren immer dichter und Welt und Geschichte dieser Welt immer reichhaltiger werden.

In fast jeder Episode dreht Gilligan und sein Autorenraum die Nadel in Walts moralischem Kompass ein mu weiter und ist dabei sehr bedächtig auch jede dieser Aktionen und Handlungen zu motivieren. Nichts wirkt aufgesetzt, nichts unmotiviert, alles ist in der vorgestellten Situation sinnvoll.

Breaking Bad ist eine der Serien, die wöchentlich im Internet in zahllosen Artikeln und Messageboards nacherzählt, besprochen und bis ins kleinste Detail seziert werden. Die episodische Struktur eignet sich zudem hervorragend eigene Theorien zu entwickeln und über zukünftige Entwicklungen zu spekulieren. Ständig werden Kleinigkeiten angespielt und Entscheidungen offen gelassen und jeder zweite hat etwas dazu zu sagen.
Die enorme Leistung der Autoren war es über den ganzen Verlauf trotzdem immer zu überraschen, ohne in die Wahnwitzigkeit zu verfallen, nur um es anders zu machen, sondern den im Nachhinein besten und offensichtlichsten Weg einzuschlagen. Die Story bleibt auf beeindruckende Art und Weise immer organisch aber nie wirklich vorhersehbar.

Da Vince Gilligan maximal bis zum Ende der laufenden Staffel plante, wo genau der Plot hingeht und was allen Beteiligten auf dem Wege dorthin passiert war ein wesentlicher Bestandteil des Schaffensprozesses Zufall, Improvisation und Glück, wie er selber nicht müde wird in jedem Interview mit Nachdruck zu betonen, was sich auch in wesentlichen Punkten im Cast und damit der grundsätzlichen Richtung der Serie niederschlägt.

Cast

Neben Walter White (Bryan Cranston), der langsam vom Antihelden zum Antagonisten der Serie mutiert, spielt nun sein Ex-Schüler und nun Partner in Crime Jesse Pinkman (Aaron Paul), der nie als fester Bestandteil der Serie eingeplant war. Eigentlich sollte er im Laufe der ersten Staffel hops gehen, hatte aber so eine tolle Chemie (haha) mit Cranston, dass er in den dauerhaften Cast aufgenommen wurde. Mal im Ernst, kann sich jemand Breaking Bad ohne Jesse vorstellen?
Neben dem bitter nötigen Comic Relief, den der viel jüngere, ziemlich verpeilte und regelmäßig drogennehmende Junge aus einer Walt fremden Welt liefert, ist er auch das moralische und emotionale Zentrum der Serie. Wenn Walter etwas böses tut, eine wichtige Entscheidung trifft, um das Fortkommen beider zu sichern, ist fast immer Jesse der Leittragende und muss mit den emotionalen Folgen umgehen. So macht auch Jesse eine folgenschwere Entwicklung durch und wenn auch der letzte nicht mehr in der Lage ist mit Walter und seiner bitterbösen Agenda mitzufiebern, so wird es immer unvermeidlicher das mit Jesse zu tun.

Skylar White (Anna Gunn aus Deadwood) mausert sich von der spießigen und etwas nervigen Ehefrau, die versucht mit ihren geringen Mitteln die Familie am Laufen zu halten und Walt bei seiner Krankheit eine seelische Stütze ist, über den emotionalen Spielball von Walt, der sie ständig belügt und manipuliert, zu seiner verbitterten Komplizin, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt.

Ebenso ihr Schwager DEA Agent Hank Schrader, der vom Piloten an versucht das Crystal Meth Imperium in Albuquerque und Umgebung zu zerschlagen und neben seinen schlechten Witzen und seiner dorkyness nicht merkt, wie unter seinen Augen sein eigener Schwager zum Drogen Kingpin aufsteigt, aber auch er steigt immer tiefer in den Fall ein und kommt Heisenberg immer mehr auf die Schliche.

Ich könnte an dieser Stelle noch viele Worte über Bob Odenkirks Saul Goodman, Giancarlo Espositos Gustavo Fring oder Jonathan Banks Mike Ehrmantraut verlieren, es sei aber so viel gesagt, dass ausnahmslos alle Neben-/ und Gastrollen die Welt in Breaking Bad bereichern und sie allesamt grandios sind.

ABQ

Eine ganz wichtige Figur in Breaking Bad ist die Location. Durch einen der glücklichen Zufälle fand sich das Team um Gilligan in Albuquerque, New Mexico, um Produktionskosten zu sparen und integrierten diesen mit all seinen Stärken in die Serie. Umgeben von nackter Wüste, in der sie ihren RV parken um Meth zu kochen oder geheime Treffen abhalten bietet ABQ einen fantastischen Backdrop mit ungewöhnlicher Farbpalette und Szenerie als die normale in L.A. gedrehte Serie. Es gibt keine andere Serie, die so einen eigenständigen Look hat, der zudem so gut in den Plot integriert wird, wie die vorliegende.

Humor

So ernst das Thema und so finster wie Walters Gemüt und die Serie wird, so komisch ist sie. Zu Beginn natürlich mehr als am Ende, finden Autoren und Regisseure schwarzhumorige bis slapsticky Momente und Kameraeinstellungen.
Anfangs ist es vor allem die Planlosigkeit der Protagonisten, die kindliche Unbedarftheit von Jesse, die Spießigkeit von Skylar und die over-the-topness der Bösewichte. Später sind es die Nebenfiguren um den fadenscheinigen Anwalt und Berater in kriminellen Angelegenheiten Saul Goodman.
Egal wie schlimm die Löcher sind, die sich die verschiedensten Figuren schaufeln, es gibt immer etwas zum Lachen und diese Balace macht die Serie so ausgezeichnet.

Hype

Zugegeben. Der Hype um Breaking Bad nervt etwas. Jeder empfiehlt die Serie, hält sie für das Beste seit geschnitten Brot und fühlt sich dazu berufen einem die Serie aufzuschwatzen. Damit wurde wohl The Wire abgelöst, die vorher diese Rolle eingenommen hat und das ist dann vielleicht auch ganz gut so (auch wenn die beiden Serien nicht auf einem Niveau spielen).

Nichtsdestotrotz ist der Hype gerechtfertigt. Es gibt momentan keine andere Serie, die sich so konstant auf so hohem Niveau bewegt, wie diese.
Ich habe Breaking Bad von Anfang an gesehen und es war schon erstaunlich mit anzusehen, wie sie sich langsam von Geheimtipp zur — zumindest in meinen Kreisen — am meisten besprochene Serie entwickelte. Wir können alle froh sein, dass der Sender AMC so viel Vertrauen und Durchhaltevermögen besaß und die Serie bis zu seinem Ende laufen ließ.

Finale (Staffel)

Jede tolle Serie braucht ein tolles Finale, sonst ist sie scheiße, richtig? Nooope!

Ich könnte zwei fliegende Fürze auf das Finale einer Serie geben, solange es nicht alles was davor liegt invalidiert. Aber jeder möchte seine Meinung zu einem Serienfinale haben, also biete ich meine hier auch an.

Die zweite Hälfte der finalen Staffel dekonstruiert minutiös die Idee hinter der Figur des Walter White. Er ist nicht der Superheld, mit dem wir die ganze Zeit mitfieberten, ihm wünschten, er möge all die Antagonisten überwinden, der Kingpin von ABQ werden, seine Neider und Skeptiker des Platzes verweisen und die Polizei aufs Glatteis führen. Nein. Walter White steht außerhalb der Gesellschaft, er ist ein rein von Egoismus getriebener Soziopath, der so nicht ewig funktionieren kann. Er ist der Big Bad, der Antagonist, der Bösewicht der Serie und er muss die Konsequenzen für sein Handeln tragen.

Gilligan zeigt uns, wie falsch wir alle lagen Walter als den Helden der Serie zu sehen, bei Sätzen wie “I won!”, “Say my name!” oder “I am the one who knocks!” in Jubel auszubrechen. Er bringt uns dazu zu überdenken, was vielleicht mit unserem moralischen Kompass nicht stimmt, zu analysieren, warum wir nicht — so wie Gilligan — schon in dem Moment, in dem Walt das Geld von Gretchen für die Krebsbehandlung ausschlägt (Staffel 1) vom Walter White Bandwagon anspringen.

Wir schauen dabei zu, wie sein Drogenimperium den Bach runter geht, wie ausweglos auf einmal alles wird und wie folgenschwer die eigenen Taten sind, wenn man sich plötzlich nicht mehr in seiner gut beschützten Blase befindet. Auf einmal sterben Menschen, die einem nahe stehen, langjährige Vertraute verraten einen und man wird selbst von der eigenen Familie verstoßen. Das Imperium und das viele Geld was man sich über Jahre hinweg (nicht nur zum Selbstzweck) erarbeitet hat ist auf einmal nichts mehr wert und die Lage scheinbar ausweglos.

In den letzten Folgen sehen wir in herzzerreißender Weise Walter White auf sein unausweichliches Ende hinzusteuern und viele um ihn herum mit in den Abgrund zu reißen.
Vor dem Finale ist quasi jede Situation für jeden Beteiligten schlimm und unausstehlich, aber mit genügend Andeutungen versehen, um für wenigstens die Meisten eine plausible Zukunft zu eruieren. Das wäre für mich der perfekte, zur Serie passende Abschluss gewesen.

— Aber nein. —

Vince Gilligan schiebt noch eine Episode hinterher, in der Walt aus seinem Unterschlupf hervor kommt und jede offene Storyline mit einem hübschen rosa Schleifchen versieht und und so jeder wichtigen Figur ihre Katharsis gibt.

Das ist so unpassend zum Rest der Serie und vor allem zum Gefühl, was wir die letzten Episoden hatten, dass dieses Finale vollkommen mit dem etablierten Ton bricht.

Versteht mich nicht falsch. Das Finale ist meisterhaft geschrieben und in Szene gesetzt und ein mindestens würdevoller Abschluss der Serie, aber die eingeschlagene Richtung ist so fürchterlich falsch. Ich brauche nicht Walter White – Retter in der Not, Walter White – reuevoller Ehemann und auch nicht den Walter White der offene Rechnungen begleicht. All das wurde vorher ausreichend angedeutet.

Ich hätte mir gewünscht, dass Breaking Bad so aufhört, wie es die letzten Staffeln war. Dreckig, mulmig, herzzerreißend und mit offenen Fragen, die sich wunderbar auf die eine oder andere Art und Weise selbst beantworten lassen. Das hat uns Vince Gilligan leider nicht gegeben, sondern hatte das Gefühl eine mutige Serie — zwar technisch meisterhaft — etwas offensichtlich und brav zu beenden.

Wie gesagt, besonders wichtig ist mir so ein Finale nicht, hat es doch viel zu wenig Gewicht, um mehr als 60h Fernsehen besonders in positive oder negative Richtung zu bewegen.

Fazit

Viel wurde über Breaking Bad geredet und geschrieben und das zurecht. Breaking Bad war zusammen mit Mad Man die letzte große Serie des goldenen Fernsehzeitalters. Es gab schon eine Weile keine andere so lange laufende Serie mit fortlaufender Geschichte wie diese beiden und wenn man sich ansieht, in welche Richtung sich Fernsehrezeption entwickelt, wird es wahrscheinlich auch so bald keine andere mehr geben, die die Vision eines Showrunners so gnadenlos und ohne Eingriffe des Senders durchzieht.
Alleine deshalb sollte Breaking Bad gesehen werden. Zudem ist Breaking Bad eins der besten Dramas, die je über unsere Mattscheibe flimmerten, uns Woche für Woche mitfiebern, mitraten und mitlachen ließen.

Vince Gilligan gelang es hier zusammen mit einem unglaublichen Cast, genialen Regisseuren, Kameramenschen und Mitautoren die einzige Serie zu erschaffen, in der die Hauptfigur nicht still steht, nicht verschiedene Versionen des gleichen Problems mit verschiedenen Versionen seiner selbst löst, sondern eine vollständige Entwicklung einer Figur nachvollziehbar und immer glaubhaft darzustellen.
Dabei hat die Serie so viel Witz, so viel Spannung, so viele Momente, die einem einen Schlag in die Magengrube verpassen, wie es wenige Serien vor ihr schafften.

Ich kann ausnahmslos jedem diese Serie ans Herz legen, der auch nur ein wenig mit diesem Medium anfangen kann, denn abgesehen von dem etwas langsamen Anfang, stellt Breaking Bad keine Einstiegshürden auf, hat keine schwachen Momente oder gar Staffeln, die selbst in den besten Serien vorkommen, bewegt sich immer vorwärts und hat so wahnsinnig tolle Momente, dass es einem wirklich leicht gemacht wird, die Serie wegzusuchten.

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★★★★★

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