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Arrested Development - Staffel 4 (Spoilerfrei)

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Meine Hoffnungen waren hoch, meine realistischen Erwartungen angepasst niedriger, meine zusammenfassende Meinung insgesamt, trotz einiger Schwächen, überraschend gut.

Das auffälligste an der neuen Staffel von Arrested Development ist ihre Erzählstruktur. Als großes Puzzle wird die “dark period” zwischen 2007 und 2013 mit ihren verwobenen multiplen Strängen erzählt. Jede Hauptfigur bekommt ein bis zwei Episoden, in denen ihre Storyline durch die dunkle Zeit begleitet wird. Immer wieder kreuzen andere Figuren ihre Abenteuer und erst langsam fügt sich ein vollständiges Bild davon zusammen, was die Bluths die letzten Jahre so getrieben haben.
Dieses Spielchen ist zu Beginn sehr unterhaltsam und recht spannend, manche Auflösungen brillant, aber zum Ende hin, wenn das Bild klarer wird, wird das immer langweiliger. Vor allem ist der Serie dieses Puzzlespiel wichtiger als die tatsächliche Narrative oder charakterliche Entwicklung. Beim Komagucken (thx @Revolvermann) fällt das nicht so sehr auf, aber die eigentlichen Storylines sind nicht besonders fesselnd.

Staffel 4 besteht aus etwa sechs Handlungssträngen, die man locker in vier normalen Episoden hätte erzählen können. Diese wurden jedoch dekonstruiert und auf 15 überlange Folgen verteilt und es gibt einfach nicht ausreichend Plot, der das rechtfertigen könnte. Stattdessen werden wir mit kleinen bis mittelgroßen Mysterien bei der Stange gehalten, die manchmal ganz gut aufgelöst werden, manchmal nicht.

Das tolle Ensemble der drei ursprünglichen Staffeln wurde durch diese Struktur vollkommen auseinander gerissen und so werden weite Teile von Episoden ganz schön schwierig zu ertragen und fühlen sich wie totes Gewicht an, was eine vollständige Wiederholung der Staffel verkompliziert. Ein herausragendes Ensemble ist eben nicht nur das Casting guter Leute, sondern deren Wechselbeziehung. Am besten funktionierte Arrested Development immer dann, wenn die Bluths miteinander interagierten, sich aneinander abspielen konnten. Dem wird nur leider viel zu wenig Platz gegeben und geht fast vollkommen verloren, obwohl massiv viel Zeit war. Denn… Netflix hat weder 10 oder 12 Folgen veröffentlicht (wie lange angekündigt) noch die typische Länge von 22 Minuten eingehalten, denn Netflix ist ja kein normaler Sender und sie brauchen sich nicht an solche künstlichen Regeln zu halten. Die Episodenlänge wird zum Teil auf bis zu 37 Minuten aufgeblasen, nur gibt es keinen wirklichen Grund dafür. Die Episoden fühlen sich oft zu lang an, sind schlampig geschnitten und verlieren dadurch ihr sonst fantastisches pacing.
Nebenbei merkt man welche Figur in der Lage ist eine über 30 Minuten lange Folge zu tragen und welche nicht. In manchen Instanzen ist das ganz schön schmerzhaft anzusehen.

Was mich am meisten störte, waren die aufgewärmten Witze alter Tage. Das ist zwar alles ganz komisch, weil wir alle auf die hervorragend etablierten running gags warteten und diese machen den Einstieg in diese Staffel nach so langer Zeit sehr angenehm, aber spätestens ab der Hälfte der Staffel machte sich ein Gefühl der Einfallslosigkeit breit. Auch wenn es gelang ein paar neue running gags zu etablieren, hatten die neuen Folgen immer einen etwas abgestandenen Beigeschmack.

Auch wenn ich sehr negativ klinge, so hatte ich doch eine Menge Spaß mit der neuen Staffel Arrested Development, aber die drei Vorgängerstaffeln sind nunmal da und eine Serie muss sich an sich selbst messen lassen können. Und die beste Comedy dieses Jahrtausends zu sein ist nicht einfach zu halten.
Der ersten drei Staffeln sind ein zur Perfektion geschliffener Diamant, der an Vielschichtigkeit, Eleganz und Wiederbetrachtungswert kaum zu übertreffen ist. Dagegen ist Staffel vier ein unförmiger Klumpen Rohdiamant, der straffer hätte geschnitten werden müssen, mehr frische Ideen brauchte, aber auch bewährte Qualitäten hätte aufgreifen sollen.

★★★★✩
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Trailer

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