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Oz

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Heute machen wir mal ein wenig Seriengeschichte. Es gibt da dieses tolle Buch von meinem Lieblingsserienkritiker Alan SepinwallThe Revolution Was Televised – The Cops, Crooks, Slingers, And Slayers Who Changed TV Drama Forever”, das ich gerade lese. In diesem Buch beschreibt er welche Serien den Weg für das goldene Serienzeitalter und damit dem modernen Drama bereiteten und dieses prägten.

Das erste Kapitel des Buches beschäftigt sich mit Oz und wie die Networks die Idee der Serie ablehnten. Kein Held, zu düster, zu grausam, zu serialisiert. Nicht so dachte der HBO Programmchef. Im Gegenteil. Er war so begeistert und der Meinung das Serienportfolio um eine interessante Serie zu erweitern. Tom Fontana bekam völlige kreative Freiheit und so produzierte HBO mit Oz ihr erstes einstündiges Drama.
Oz feierte seine Premiere im Sommer 1997 und lief für sechs Staffeln.

Oz ist der Spitzname für die Oswald State Correctional Facility, ein Hochsicherheitsgefängnis, in dem die komplette Serie spielt. Hauptschauplatz darin ist Emerald City, eine experimentelle Einheit, in der die Gefangenen in einer großen Gemeinschaft leben und besondere Aufmerksamkeit auf Rehabilitation und dem erneuten Lernen von Verantwortung gelegt wird.

In Em City leben alle sozialen Gruppen, Rassen und Gangs unter immenser Kontrolle zusammen, Ausgewogenheit der Gruppenstärke soll das soziale Gleichgewicht halten und Kriminalität untereinander minimieren.
Die Gruppen sind die afroamerikanischen Homeboys, afroamerikanische Muslime, arische Bruderschaft, Mafia, Latinos, Irer, Biker, Homosexuelle und einige Einzelgänger, wie Augustus Hill, der nebenbei in jeder Folge den Erzähler spielt und so Kontext und Erklärung für Plots und Subplots, sowie thematische Analyse und Humor liefert, die beiden großartigen Langzeitinsassen Rebadow und Busmalis sowie unsere emotionale Zentralfigur Tobias Beecher, ein Anwalt, der betrunken ein Mädchen überfahren hat und versucht so gut es geht ein ehrenvolles Leben innerhalb der Gefängnismauern zu führen.

Der Gefängnisalltag ist von Machtkämpfen, Rassenkämpfen, Rache, aber auch Liebe, Verzweiflung, Drogensucht und Kinderfernesehprogramm bestimmt. Jeder versucht sein persönliches Überleben und Machtposition zu sichern. Sei es durch Drogenhandel, Auftragsmorde, Erniedrigung der Neulinge, spirituelle Erleuchtung oder Rechtshilfe. Dabei laufen bei dem immensen Cast, der wahrscheinlich die Größe von The Wire übersteigt, diverse Storylines neben- und durcheinander. In jedem Zellenblock, in jedem dunklen Winkel passieren fürchterliche Dinge, die mal in 15 Minuten mal über mehrere Staffeln hinweg erzählt werden.

Einen weiteren wichtigen Part nimmt die Seite der Gefängnisdirektoren, Wärter, Ärzte und Geistlichen ein. Zum einen hat man die politischen Aspekte, wie die Todesstrafe oder gewaltsamen Tod von Insassen bzw. Wärtern, die gegenüber dem Gouverneur gerechtfertigt werden müssen, zum anderen die tägliche Interaktion zwischen ihnen und Gefangenen. Hier entstehen tolle menschliche und emotionale Verbindungen, die sich über lange Zeit entwickeln, aber auch Hass, Aggression, Missmut und Mordgedanken.

Oz tut vieles, was es zuvor in der Fernsehlandschaft nicht gab. Sie traut sich lange und verwobene Geschichten zu erzählen, Figuren als Hauptfiguren aufzubauen und am Ende einer Episode Hops gehen zu lassen, keinen wirklichen Helden zu etablieren, an dem sich der Zuschauer festhalten kann und eine Grausamkeit nach der anderen zu porträtieren. Es werden gesellschaftskritische Themen aufgemacht, unbequeme Geschichten erzählt Randgruppen Raum gegeben und einen feuchten Kehricht darum gegeben, ob das Ganze dabei besonders massenkompatibel ist.

Dabei hat Oz einen so bunten Cast, wie in keiner anderen Fernsehserie zu der Zeit. “Der weiße Mann” ist — so wie in Gefängnissen in Amerika tatsächlich auch — sehr unterrepräsentiert, was auch heute auf den meisten Sendern nicht anzutreffen ist (selbst wenn das der Serienkontext verlangte) und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen im amerikanischen Fernsehen einen afroamerikanischen Muslimen als moralisches Zentrum anzutreffen. Oz hat all das zu bieten.

Überhaupt macht es Spaß beim Schauen spot the actor zu spielen, denn hier sind sie alle dabei und viele hatten hier ihren Durchbruch. Man wird bestimmt 15 Schauspieler aus The Wire, eine Handvoll aus Dexter, ein paar Rapper, ein Pärchen aus Lost, alte Hasen und viele mehr wiederfinden.

Oz braucht ein wenig, um Fahrt aufzunehmen und den Zuschauer völlig einzusaugen, zu schnell wird zu Beginn Plot verheizt, so dass wenig Zeit bleibt, eine emotionale Verbindung aufzubauen, aber das bekommt der Showrunner Tom Fontana recht schnell in den Griff und schafft das Kunststück auch widerlichen Figuren eine menschliche Seite zu geben, Emotionen langsam aufzubauen und den Payoff auf den Punkt zu landen.

Man sieht, wie gut HBO’s Einstellung funktionierte. Sie sagen dem kreativen Kopf einer Serie “Du hast eine Vision? Du weißt wo du hin willst? Erzähl uns deine Geschichte und wir treten einen Schritt zurück. Wir geben dir eine Stunde Sendezeit und du kannst damit machen, was du willst.”
Das befruchtet Kreativität und so ist HBO dafür verantwortlich, dass wir so wundervolle Serien wie Oz, The Sopranos, The Wire oder Six Feet Under bekommen haben.

Die Show steckt so voller Herzblut, Schmerz, Depression, Gewalt, Hoffnung und Liebe, tollen Figuren, spannenden Geschichten und einer gehörigen Portion Sozialkritik, dass jeder, der sich für einen Meilenstein der Fernsehgeschichte und vielschichtige und schonungslose Serien begeistern kann, keinen Weg an Oz vorbei findet. Man wird Zeuge, wie das goldene Serienzeitalter begann, Formate und Konzepte ausprobiert, verworfen, verbessert und erfolgreich eingesetzt werden.

So, what have we learned? What’s the lesson for today? For all the never-ending days and restless nights in Oz? That morality is transient? That virtue cannot exist without violence? That to be honest is to be flawed? That the giving and taking of love both debases and elevates us? That God or Allah or Yahweh has answers to questions we dare not even ask?

The story is simple. A man lives in prison and dies. How he dies, that’s easy. The who and the why is the complex part. The human part. The only part worth knowing.
Peace.

— Augustus Hill

★★★★✩

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