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March Movie Madness - Ein Rückblick

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Über den March Movie Madness

Auf der wundervollen Filmeinlogundbewertungsseite Letterboxd wurde von dem Nutzer Danny Baldwin der March Movie Madness ins Leben gerufen, in dem es darum geht dem Alphabet nach jeden Tag einen anderen Film zu schauen. Das war eine gute Gelegenheit mal das Filmregal von ungesehenen Filmen zu befreien. Einige haben die alphabetische Restriktion mit einer weiteren kombiniert. Mal wurde nur asiatisches geschaut, mal ein Film pro Land, oft nur bisher unbekanntes.
Ich habe mich auf mir unbekannte Filme aus der IMDB Top250 beschränkt, so verfügbar.

March Movie Madness

Die Filme, die ich schaute, deckten eine Zeitspanne von 1946 bis 2012 ab. Dabei waren waren fünf Noirs, zwei Studio Ghibli Animes, vier Asiaten, ein Bulgare, ein Spanier, zwei Italiener, zwei Franzosen, ein Deutscher und fünfzehn Amerikaner. Die meisten Filme meiner Liste sind Klassiker, die man wohl gesehen haben sollte, es waren aber auch ein paar echte Entdeckungen dabei, die aus der Not einen unbekannten Film des betreffenden Buchstabens zu finden geboren waren. Ganz vorne mit dabei sind der spanische XXY über eine junge Hermaphrodite und den italienischen Umberto D., der sich mit Altersarmut in der Nachkriegszeit beschäftigt. Auch Fish Story, ein japanischer Hyperlink Film, dürfte eher unbekannt sein und sei an dieser Stelle empfohlen.

Sowieso ist diese gesamte Liste eine einzige Empfehlung. Die einzigen Enttäuschungen dabei waren The Hobbit und Young Frankenstein. Auch wenn mich sonst ein paar Filme langweilten, oder nicht so berührten, wie ich es gerne gewollt hätte, haben sie doch sehr unterhaltsame Momente oder machen genügend anders, so dass es sich allein der Außergewöhnlichkeit wegen lohnt.

In Summe war das ein toller Monat, der mir viele neue Einsichten brachte, mich einige Male zum Weinen brachte, mir intelligente Geschichten erzählte, Türen zu Traumwelten eröffnete, gewiefte Mörder und einsame Frauen auf die Leinwand brachte, revolutionäres Kino zeigte, feine Musik ins Ohr säuseln lies, bildhübsche Bilder präsentierte und mich jeden Tag aufs neue überraschte.

Die nächste Aktion auf Letterboxd steht mit “30 Countries in 30 Days” schon in den Startlöchern, aber ich brauche erstmal eine Pause, um mich wieder meinen vernachlässigten Serien zu widmen.

Die Filme

Im Folgenden gibt es zu jedem der 26 Filme ein paar Worte zu meiner Meinung nebst Wertung und ganz am Ende stelle ich meine persönliche Top 5 dieses Filmmonats zusammen.

Anatomy of a Murder (Otto Preminger – 1959): ★★★★✩

Ein Gerichtsdrama, das die meisten nachfolgenden überflüssig macht.
Toll gespielt in allen Rollen, sehr unterhaltsam und vor allem spannend und bedächtig erzählt.

Butch Cassidy and the Sundance Kid (George Roy Hill – 1969): ★★★★✩

Toller Buddy-Abenteuerfilm mit einem ansehnlichen Paul Newman und einem noch ansehnlicheren Robert Redford, die gemeinsam raubend und mit einer gehörigen Prise Slapstick verschiedene Gegenden unsicher machen.

Chinatown (Roman Polanski – 1974): ★★★★★

Polanski strikt hier eine angenehm komplexe Detektivgeschichte um Jack Nicholson und Faye Dunaway, die clever erzählt und perfekt umgesetzt wurde.

Besonders mochte ich die Art und Weise, wie hier langsam und mit sicherer Hand Spannung aufgebaut wurde, so wie es die klassischen Noirs tun. Nur dass hier der Plot nicht so geradlinig vorgeht. Zudem ist er wahnsinnig hübsch anzusehen und anzuhören. Ein toller Film.

Dial M for Murder (Alfred Hitchcock – 1954): ★★★★★

Für solche Kammerspiele liebe ich den Film Noir. Der Trifecta von Regie, Skript und Schauspiel in kleinem, beschränkten Raum.

Der perfekte Film über den perfekten Mord, der furchtbar schief läuft.

(Federico Fellini – 1963): ★★★✩✩

Dieser Film hat mich leider gar nicht abgeholt. Den Grund für die ganze Metahaftigkeit habe ich nicht wirklich verstanden und diesen sehr dialoglastigen Film auf italienisch mit englichen UTs zu sehen half auch nicht wirklich eine Verbindung aufzubauen.

Auf der positiven Seite steht die tolle Musik und meine nun entstandene Liebe für Claudia Cardinale.

Es gibt hier viel zu mögen, aber für mich ergab er einfach keinen ordentlichen Film.

Fisshu sutôrî (Fish Story – Yoshihiro Nakamura – 2009): ★★★★✩

Ein toller japanischer Hyperlink Film, der einem Punk Rock Song über einen Zeitraum von 60 Jahren folgt und so diverse, teils absurde, Geschichten miteinander verbindet.

Hotaru no haka (Grave of the Fireflies – Isao Takahata – 1988): ★★★★★

Diese intime Geschichte von Bruder und Schwester, die versuchen während des 2. Weltkrieges zu überleben, pflanzt ein Pflänzchen der Hoffnung in einem, nur um es langsam aber sicher zu zerstören.

Selten hat mich ein Film so sehr — und vor allem so lange — mitgenommen. Selbst als ich am Tag darauf ein paar Notizen zum Film aufschrieb, rollten mir die Tränen herunter. Ein wahnsinnig kraftvoller und berührender Film, den jeder gesehen haben sollte. Sicherlich nicht der typische Studio Ghibli Film, aber bei weitem mein Liebster.

Hier habe ich ausführlicher über Grave of the Fireflies geschrieben.
Hotaru no haka (Grave of the Fireflies) – hirnrekorder

The Hobbit (Peter Jackson – 2012): ★★✩✩✩

Dieses, unpassender Weise, zu einem Epos aufgeblasene Kinderbuch ist eine langweilige Aneinanderreihung von Exposition, sinnlosem Umhergelaufe und Gekämpfe, mit fünf Minuten witzigen Rätseln in der Mitte.

Dumpfe Materialschlacht, die keiner braucht.

Infernal Affairs (Wai-keung Lau, Alan Mak – 2002): ★★★★✩

Ein toller Film über Gut gegen Böse und allem dazwischen. Ein junger Polizeikadett wird als Maulwurf in die lokale Mafia geschickt und ein junges Mafiamitglied infiltriert die Polizei und es entbrennt ein Katz und Maus Spiel, das kaum spannender sein könnte.

Clever, spannend und voller Suspense ist Infernal Affairs um einiges besser, als das Hollywood Remake The Departed.

Jackie Brown (Quentin Tarantino – 1997): ★★★★★

Wow. Der hat mich vielleicht positiv überrascht. Hier betritt Tarantino für ihn unbeschrittenes Terrain und lässt seine Protagonisten ausnahmsweise nicht so reden, wie sich selbst. Er verlässt sich nicht auf stilisierte Dialoge oder übertriebene Gewalt, sondern erzählt einfach eine verdammt gute Geschichte um eine erstmalig dreidimensionale Frauenrolle herum.

Jackie Brown ist der wohl beste Tarantino, weil er wohl am wenigsten Tarantino ist (wenn ich mal von Mark Kermode klauen darf). Leider traut er sich solche Filme nicht mehr, sondern liefert nur noch die Crowdpleaser ab, die alle von ihm erwarten.

Kontroll (Nimród Antal – 2003): ★★★✩✩

Ein sonderbarer Film über bulgarische Ticketkontrolleure, den Untergrund und Liebe. Hat mich leider überhaupt nicht abgeholt, sondern ziemlich gelangweilt, ist aber gut gemacht.

Lolita (Stanley Kubrick – 1962): ★★★✩✩

Die Geschichte eines britischen Professors, der sich in die 14-jährige Lolita Hals über Kopf verliebt.
Ich mochte sehr, dass Lolita die ganze Zeit über Kontrolle über die Männer hatte und sie diese nie aufgeben musste. Ein sehr mutiger Film, der leider seine Längen hatte und in wenigen Rollen nicht besonders gut gespielt wurde.

Miller’s Crossing (Joel Coen – 1990): ★★★★★

Was für ein wahnsinnig toller Film. Eine Fusion aus Gangsterdrama, Noir Thriller und Slapstick Comedy in Perfektion umgesetzt. Ein komplizierter Plot, der einige Deutungsebenen hat, fantastische Kulissen und tolle Schauspieler in allen Rollen.
Ein ziemlich perfekter Film der locker in meine Top3 der Coen Brüder hüpft.

Hier habe ich ausführlicher zu Miller’s Crossing geschrieben.
Miller’s Crossing – hirnrekorder

One Flew over The Cuckoo’s Nest (Miloš Forman – 1975): ★★★✩✩

So gut hier gespielt wird und so frisch, wie diese Art der Geschichte zu der Zeit war, so wenig war der Film in der Lage, mich emotional einzufangen. All die Abenteuer und fiesen Schwestern, sogar die kontroverse letzte Szene, interessierten mich einfach nicht die Bohne, weil mich die Protagonisten nicht interessierten. Sehr schade.
Vielleicht war das aber nur einer dieser Tage, wo man keinen Zugang zu einem Material findet, egal wie gut es ist.

Notorious (Alfred Hitchcock – 1946): ★★★★✩

Ein verdammt gutes Beziehungsdrama / Thriller über Spionage und Liebe.

Papillon (Franklin J. Schaffner – 1973): ★★★★✩

Ich liebe diesen Film. Zwei Gefangene schließen eine innige Freundschaft an einem Ort, an dem jeder nur für sich selbst kämpft.
Der Film nimmt sich Zeit, ohne sie für falsche Sentimentalität zu verschwenden und zeigt unsere beiden Protagonisten dabei, wie sie mit unglaublicher Sturheit und mentaler Stärke ihr Ziel verfolgen, von dieser Gefängnisinsel abzuhauen.

Quiz Show (Robert Redford – 1994): ★★★✩✩

Ein sehr solider und akkurat geführter Film über einen wichtigen Medienskandal in den 50er Jahren. Guter Cast aus Charakterdarstellern mit ein paar Fehlschüssen, den ich wirklich mochte.

The Red Shoes (Michael Powell, Emeric Pressburger – 1948): ★★★✩✩

Diesen Film bezeichnen unter anderem Brian De Palma und Martin Scorsese als einen ihrer Lieblingsfilme und auch ich finde, dass man daran eine Menge gut finden kann.

Die Geschichte ist im Wesentlichen ein Liebesquadrat bestehend aus Balletttänzerin, Ballettstück, Ballettproduzenten und Ballettkomponisten, das die junge aufstrebende Ballerina dabei begleitet, ob sie all ihre Aufmerksamkeit ins Ballett steckt, oder sich für die Liebe entscheidet.

Das absolut großartigste an The Red Shoes sind die 17 Minuten in der Mitte des Filmes, in denen man der Ballerina bei ihrer Premierenaufführung zuschaut. Diese Sequenz ist so großartig gefilmt, dass man denkt, man säße in der ersten Reihe des ausverkauften Theaters.

Die Farben sind so leuchtend und der Schnitt so perfekt, dass man vergisst, dass der Film 65 Jahre alt ist.

Leider sind die erwähnten 17 Minuten das einzig richtig gute und der Rest könnte kaum uninteressanter sein. Sicherlich kann es sein, dass hier erstmalig eine solche Geschichte in dieser Art erzählt wurde, aber diese Perspektive kann ich nicht einnehmen.

Alles in Allem ist The Red Shoes ein visuelles und technisches Meisterwerk, mit einer Geschichte, die lange nicht mithalten kann.

Sen to Chihiro no kamikakushi (Spirited Away – Hayao Miyazaki – 2002): ★★★★✩

Ein wundervoll phantasievoller und einfallsreicher Film, der sich kaum in Worte fassen lässt. Jedenfalls nicht in zwei Absätze.
Der zweite Studio Ghibli Film in dieser Reihe ist sicherlich visuell beeindruckender und insgesamt abgefahrener als Grave of the Fireflies, berührte mich persönlich aber nicht so sehr. Trotzdem ein ganz toller Film.

There Will be Blood (Paul Thomas Anderson – 2007): ★★★★★

Einer dieser kraftvollen Filme über einen Mann, sein seine Ziele verfolgt — koste es was es wolle. Grandios gefilmt und mit einer stoischen Überzeugung gespielt, sind die ersten zwei Stunden eigentlich nur Setup für das große Finale, in dem Daniel Day Lewis alle an die Wand spielen darf.

Umberto D. (Vittorio De Sica – 1952): ★★★★★

In diesem fast letzten Film des italienischen Neorealismus begleiten wir einen Mann im Rentenalter, der verzweifelt versucht einen gewissen Lebensstandard zu halten. In sozialer Isolation und von Stolz gehemmt betteln zu gehen oder anderweitig Hilfe zu erfragen, steht er irgendwann vor der Entscheidung sein Leben zu beenden, nur um der täglichen Demütigung zu entgehen.

Die tragische Geschichte des Umberto Domenico Ferrari ist ein intimer Blick auf Altersarmut, Stolz und sozialer Isolation. Schonungslos und ohne Mitleid beobachten wir die Titelfigur, die nur ihren Hund als wirklichen Bezugspunkt hat.
Mit feuchten Wangen und emotional aufgewühlt ließ mich Umberto D. zurück. Ein ganz toller Film.

Vivre sa vie: Film en douze tableaux (My Life to Live – Jean-Luc Godard – 1962): ★★★✩✩

In 12 Segmenten wird die Geschichte erzählt, wie eine junge Pariserin langsam in die Prostitution absteigt.

Vivre sa vie beleuchtet im Wesentlichen ein ähnliches gesellschaftliches Problem wie Umberto D., nur aus einer völlig anderen Perspektive und viel steriler. Zwar interessant und hübsch gefilmt, behält der Film jedoch immer eine gewisse Distanz zwischen Protagonistin und Zuschauer. Dadurch konnte ich mich nie völlig auf die dargestellte Problematik einlassen.

Der Himmel über Berlin (Wings of Desire – Wim Wenders – 1987): ★★★✩✩

Engel im Nachkriegsberlin, die über die Menschen wachen, Gedanken lesen und sich prätentiöse innere Monologen anhören, während sie durch die wunderschöne Kulisse des Nachkriegsberlins wandern. Langweiliger, gut gemachter artsy fartsy Blödsinn, der mich — abgesehen vom optischen — nie ansprach.

XXY (Lucía Puenzo – 2007): ★★★★✩

Die Geschichte über die 15-jährige Hermaphrodite, die sich verliebt und sich erstmalig sexuell ausprobiert, während ihre Eltern versuchen mit der Situation klarzukommen, ist toll erzählt und gespielt und schafft es jeden emotionalen Taktschlag auf den Punkt zu treffen.

Young Frankenstein (Mel Brooks – 1974): ★✩✩✩✩

Die Hommage an alte Horrorfilme funktionierte für mich nicht eine Sekunde lang. Furchtbar, langweilig, unlustig, doof. Richtig doof.

Z (Constantin Costa-Gavras – 1969): ★★★★✩

Ein wirklich toller politischer Thriller über einen griechischen Politiker, der auf offener Straße umgebracht wurde, einen korrupten Staat, einen sturen Richter und einen Journalisten, der erkennt, was für eine Story ihm in den Schoß gefallen ist.

Solides bis sehr gutes Schauspiel, auffällig gute Musik und ein toller Schnitt, machen diesen spannenden Film zu etwas Außergewöhnlichen.

Top 5

  1. Hotaru no haka (Grave of the Fireflies)
  2. Miller’s Crossing
  3. Dial M for Murder
  4. Umberto D.
  5. Jackie Brown

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