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Miller's Crossing

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Zu einem viel besseren Zeitpunkt hätte Miller’s Crossing, der dritten Regiearbeit der Coen Brothers, für mich nicht kommen können. So gerne ich moderne Noirs und Gangsterfilme mag, so hatte ich bis vor ein paar Wochen keine Ahnung von klassischen Noirs. Das habe ich in letzter Zeit so gut es ging nachgeholt und bin nun in der Lage diese Fusion aus Gangsterdrama, Noir Thriller und Slapstick Comedy halbwegs adäquat einzuordnen.

Miller's Crossing

Plot

In einer namenlosen Stadt koexistieren zwei rivalisierende Gangs. Auf der einen Seite steht der (etwas machtvollere) irische Mob mit Leo (Albert Finney) an der Spitze und seinem engsten Vertrauten Tom Reagan (grandios gespielt von Gabriel Byrne) an seiner Seite. Auf der anderen behauptet sich Joe Politos Figur Johnny Caspar als Kopf des italienischen Mobs. In deren Mitte steht das Geschwisterpaar Verna und Bernie Bernbaum (Marcia Gay Harden und John Turturro).

Bernie ist Buchmacher, der sich an Caspars gefixten Boxkämpfen bereichert und von ihm aus dem Weg geräumt werden soll, während Femme Fatale Verna mit Leo schläft, um ihren Bruder zu beschützen. Nebenbei hat Tom eine geheime Affäre mit Verna und so wird aus dem prototypischen Beziehungsdreieck ein verdammt komplexes Quadrat mit unzähligen twists and turns, double crossings und Nebenschauplätzen, in denen Tom die Seiten wechselt, jeder mehrfach betrogen und diverse Prügelattacken bzw. Mordanschläge über sich ergehen lassen muss.

So weit, so kompliziert.

Kritik

Miller’s Crossing ist wahrlich kein einfacher oder geradliniger Film. Im Gegenteil. Die Coen Brüder verlangen dem Zuschauer einiges ab. Es fängt mit dem kaum durchdringbaren Plot an, geht über Dialoge, die wie aus einer Tommy Gun gefeuert kommen und hört bei den zahlreichen Referenzen zu großen Genreklassikern nicht auf.

Abstrahiert man den Plot weit genug bekommt man einen klassischen Noir aus zwei sich gegenüberstehenden Parteien und der Femme Fatale in der Mitte. Nun kann man in Ruhe alle Handlungsstränge und komplizierten geschlagenen Haken aufdröseln und wird merken, dass es hier keine Löcher oder nicht zu Ende gedachte Handlungsstränge gibt. Man darf sich nur nicht zu sehr von der vorzüglichen Ausstattung, den beeindruckenden Schauplätzen (OMG! Der Wald) oder den fantastisch inszenierten Actionsequenzen ablenken lassen.

Miller’s Crossing bietet dem Auge und Hirn so viele Ablenkungen, dass aber eben dies oft sehr schwer fällt und man kaum anders kann als mit Tom mit zu schwimmen und alles auf sich wirken zu lassen.

Zwischen all dem visuellen Reichtum und narrativen Überfluss finden wir jedoch 3-5 Figuren, die klare Ziele verfolgen, charmant und glaubhaft sind und man sich so sehr gut an ihnen festhalten kann und zwei Szenen im titelgebenden Wald, die so kraftvoll sind, weil der Zuschauer plötzlich genau weiß, wo er hinschauen soll und zwischen all der Konfusion plötzlich Ruhe, Bedrohung und Ehrfurcht Einzug hält.

Über all dem steht das metaphorische Thema des in dieser Zeit so wichtigen Hutes. Jeder (Mann) definiert sich und seine Stellung in der Gesellschaft über den Hut, den er trägt. Während Tom ständig die Seiten wechselt, die Parteien gegeneinander ausspielt, darüber nachdenkt, ob er (s)einen (ersten) Mord begeht und welche Auswirkungen das auf seine Beziehung zu Verna und sein Leben haben könnte, träumt er davon, wie ihm sein Hut davon fliegt. Und obwohl er zu Verna sagt “Nothing more foolish than a man chasing his hat.” tut er über die Länge des Filmes genau das, bis er in der finalen Szene, entspannt an einen Baum gelehnt, seinen Hut fest zieht und diese Frage für sich beantwortet zu haben scheint.

Gestern Abend war ich mir noch nicht ganz sicher, ob ich da gerade einen wirklich guten Film gesehen habe, oder nicht. Nach einer Nacht und einigen Gedanken, die ich mir zu Miller’s Crossing gemacht habe, bin ich nun der Meinung einen nahezu perfekten, sehr anspruchsvollen Film gesehen zu haben.

★★★★★

Trailer

Nur mal so nebenbei. Gibt es Trailer, die wesentlich besser sind, als dieser hier? — Nein? — Dachte ich auch nicht.

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