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House of Cards

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Nachdem Netflix mit der Norwegisch-Amerikanischen Koproduktion Lilyhammer die Füße in Original Programming baumelten, ist Amerikas größter Streamingdienst vergangenen Freitag mit ihrer ersten komplett selbst finanzierten Serie an den Start gegangen und dabei machen sie keine Gefangenen. Sie orderten auf einen Schlag zwei volle Staffeln — was sich nicht einmal die großen amerikanischen Networks trauen — und versammelten viele große Namen um diese Adaption der britischen Miniserie.

David Fincher produziert und führte in den ersten beiden Episoden Regie, später folgen Joel Schumacher, James Foley und andere. In den Hauptrollen versammeln sich Kevin Spacey, Robin Wright, Kate Mara und weitere bekannte Gesichter. Die ganze Nummer hat sich Netflix $100 Mio. kosten lassen und hoffen damit (und den neuen Folgen Arrested Development) ein ernstzunehmender Player im amerikanischen TV Markt zu werden.

Die Distribution ist fernseh-untypisch, jedoch für Kunden des Dienstes meiner Meinung nach genau richtig. Sie stellten alle Episoden auf einmal online, so dass auch bei dieser Serie jeder nach eigenem Gusto schauen kann. Netflix verspricht sich mit diesem finanziellen Commitment natürlich neue Subscriber, die wegen der Serie kommen und wegen dem restlichen, sehr guten, Angebot bleiben. Ob diese Kalkulation aufgeht, wird sich zeigen, aber diesen Mumm, alle Karten auf den Tisch zu legen (scnr), muss man einfach bewundern.

House of Cards

Plot

House of Cards ist ein politischer Thriller um den House Majority Whip Francis Underwood (Spacey), der nach der Präsidentschaftswahl bei dem ihm versprochenen Posten des Secretary of State übergangen wird und weiter im Kongress die Strippen ziehen soll. Ungetüm, aufgrund des Betruges, schmiedet Underwood gemeinsam mit seiner Frau Claire (Robin Wright), die eine Umweltorganisation leitet, einen Plan, um erst seinen Ersatzkandidaten zu zerstören sowie seine eigene Agenda durchzuboxen. Dazu nähert er sich unter anderem der jungen Journalistin Zoe Barnes (Kate Mara) an, die er mit brisanten Informationen füttert und so als sein pseudonymisiertes mediales Sprachrohr fungiert.

Kritik

House of Cards ist zunächst einmal fantastisch produziertes, besetztes und gespieltes politisches Drama, das sich keine Sekunde lang hinter anderen großen Serien verstecken muss. Im Gegenteil. Die Serie fühlt sich in jeder Hinsicht besser an als 90% von allen, was sonst gerade im Fernsehen läuft und kann sogar mit den großen Pay-TV Produktionen mithalten. Das einzige, was mich stört — und das ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass Netflix hier einen Crowdpleaser an den Start bringen will — ist die sehr geradlinige Geschichte.

“That’s how you devour a whale. One bite at a time”

Underwood verfolgt im Wesentlichen ein Ziel, das er in diverse Teilprobleme zerlegt, und wir schauen ihm dabei zu, wie er eines nach dem anderen löst. Er wird nie länger als eine halbe Folge lang in seinem Plan zurückgeworfen und er sagt es selber im Piloten “This is just too easy.” und das ist ein echtes Problem. Hat man das einmal durchschaut, kann man Plotentwicklungen einige Episoden im Voraus vorhersehen und sieht recht schnell, was echte Steine sind, die ihm in den Weg gelegt werden und was davon selber inszeniert wurde, um in diesem politischen Kampf die Oberhand zu erlangen.

Hier sieht man die Freiheit, die sich die HBO’s und AMC’s dieser Welt erlauben können und Netflix scheinbar eben noch nicht. In Serien wie The Wire, The Sopranos, Oz oder Breaking Bad ging es nie darum, ein möglichst breites Publikum anzusprechen, sondern etwas ganz anders zu machen, als die anderen, dadurch einen Buzz zu generieren und so den Namen des Senders ins Gespräch zu bringen.

House of Cards will nicht spalten, nicht edgy oder außerordentlich clever sein. Nein. Es soll gut produziertes und massenkompatibles Fernsehen sein, dass möglichst viele neue Subscriber generiert. Das kann ich auf der einen Seite gut verstehen, ist aber auch etwas schade.

Versteht mich nicht falsch. House of Cards ist verdammt unterhaltsames Fernsehen, was sich sehr gut wegschaut. Kevin Spacey ist brillant und die Geschichte ist gut geschrieben und erzählt. Sie ist mir nur zu glatt geschliffen.

“We will have a lot of nights like this, making plans, very little sleep.”

Am besten gefällt mir die Dynamik des Ehepaars Underwood, die eine tiefe Zuneigung zueinander haben, alles schonungslos miteinander teilen, kalt kalkulieren und sich gegenseitig im beidseitigen Einverständnis benutzen, um ihre Ziele zu erreichen.
Zu den besten Szenen gehört, wenn sie nachts gemeinsam rauchend und Wein trinkend am offenen Fenster ihres Hauses sitzen und die nächsten Schritte ihres gemeinsamen Plans plotten. Dieses tiefe Vertrauen, die gemeinsame Vergangenheit und unumstößliche Liebe zueinander sind einfach toll gemachtes Fernsehen.

Trotz meiner Reservierungen möchte ich House of Cards uneingeschränkt empfehlen. Klickt euch so ein Netflix Abo oder schaut auf SkyAtlantic, wo die Serie überraschender Weise bereits in ein paar Tagen anläuft.

★★★★✩

Trailer

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