<

hirnrekorder

film - fernsehen - musik - zeug

Fernsehen Als Diskursmedium Hat Ausgedient

| Comments

Die Anzahl der Stunden, die ich im Jahr fernsehe, hält sich im unteren zweistelligen Bereich auf. Das geht sicherlich vielen so, denn das Nutzungsverhalten durch Streamingdienste und halbwegs automatisierte DVD Zustellungen durch Lovefilm nebst Mediatheken macht es möglich geskriptetes Fernsehen on demand zu schauen. Warum sollte ich mir also meinen Abend freischaufeln, nur um gegen 20:15 auf dem Sofa zu sitzen? Nein danke.
Es bleibt Sport und tagesaktuelles, wie Nachrichtensendungen bzw. Polittalk, was bestenfalls live, mindestens jedoch zeitnah verfolgt werden will, um Teil des Diskurses sein zu können.

Ich schaue fast keinen Sport und Nachrichten verfolge ich tatsächlich noch auf toten Bäumen (bzw. seinen Online-Pendants), wodurch ich mich meist ausreichend gut informiert fühle, um nicht das Verlangen nach Talkshows zu dem Thema zu haben. Also bleibt mein Fernseher eben aus.

Das Problem an Talkshows — und das wissen wir alle — ist, dass sie zwar so tuen, als setzten sie sich mit dem Tagesthema auseinander, jedoch ist der Redaktion weniger an einer Aufarbeitung und fruchtbaren Diskussion, als an einem Streitgespräch interessiert. Deshalb sitzen dort die immergleichen Gäste mit Meinungen, die möglichst weit auseinander liegen. Talkshows haben ein Grundsatzproblem Durch die geringe Sendezeit und den vielen Gästen (60 Minuten – 10 Minuten Einleitung und Gästevorstellung – 5-10 Minuten Einspieler – 10 Minuten Moderatorenfragen / 6 Gäste = 5 Minuten Redezeit pro Gast) ist es selbst bei gutem Willen der Anwesenden nicht möglich mehr zu sagen, als ihre einstudierten Parolen, um möglichst komprimiert die eigene Meinung zu präsentieren. Dadurch sind die Meinungen noch extremer, die Kompromissbereitschaft minimal und der Streit am lautesten.

Ein aktuelles Beispiel

Vergangene Woche setzte ich mich (seit einem Jahr erstmalig wieder) einer solchen Talkshow aus. Jauch zum Thema Sexismus. Dort ging es schon mit der Wahl des Themennamens los. “Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Sexismus-Problem?” Damit sind die Fronten schonmal abgesteckt, das Spektrum der Gäste klar und es kommt, wie nicht anders zu erwarten war. Falscher Themenfokus, um seinen Standpunkt verteidigen zu können, ein alter Mann, der das Gespräch unterbrach, um herum zu frotzeln, eine ähnlich alte Frau, die aufgrund ihrer langjährigen journalistischen Arbeit, voll übergriffigen Politikern, scheinbar mittlerweile so ein dickes Fell hat, dass sie bezüglich dieser Thematik gänzlich abgestumpft ist und die anderen Frauen der Runde nur müde belächelt. Ihnen gegenüber saßen drei Frauen, die teilweise nur fassungslos mit dem Kopf schütteln konnten, kaum zu Wort kamen, missverstanden wurden und in aller Mitte ein Moderator, dem die Sendung vollkommen entglitt.

Warum dreht man das Sendungsthema nicht um? “Deutschland hat ein Sexismus-Problem!” Lädt Menschen ein, die sich meinungsmäßig näher sind, Betroffene, die dem Problem ein Gesicht geben, verlängert die Sendezeit auf 90 Minuten und arbeitet das Thema einmal von unten auf? Es geht doch darum, ein Bewusstsein zu schaffen, wie der Alltag vieler Frauen aussieht und nicht ihnen das Recht auf Freiheit und seelische Unversehrtheit abzusprechen.

Die grundsätzliche Problematik

Man sollte meinen, dass gerade Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, einen Bildungsauftrag verfolgen. Es sollte informiert, gesund diskutiert und nicht unreflektiert gestritten werden. Reality-TV mit seriösem Anstrich Im aktuellen Zustand dieser Sendungen haben wir nichts anderes als eine andere Geschmacksrichtung von Reality-TV, in dem sich gegenseitig an den Hals gesprungen wird, der Gegenüber in die Lächerlichkeit gezogen wird und einzeilige Parolen durch den Raum gerufen werden. Und all das mit seriösem Anstrich, denn dort sitzen ja Politiker, gut bezahlte Moderatoren und wir versammeln uns alle in einem gut ausgeleuchteten Studio der ARD oder des ZDF. Das ist einfach nur peinlich.

So hat das Fernsehen jegliches Recht verloren, als Diskussionsforum und Meinungsbildner, ernst genommen zu werden. Nun ist es ja schön und gut, dass der Diskurs wenigstens im Internet stattfindet — so man sich diesem denn aussetzen möchte — aber das bringt es doch alles nicht. Die Jauchs und Länze entziehen sich konsequent ihrer Verantwortung. Gerade bei gesellschaftlichen Grundsatzproblemen hilft es nichts, wenn sich ein paar Nasen die Blogs voll schreiben oder wild auf Twitter diskutieren. Das ist zwar toll für uns netzaffine Bildungsbürger, aber erreicht nie die Menschen, auf die es ankommt. Ob wir es wollen oder nicht, aber den Jauch, Lanz oder sonst wen schauen Millionen von Menschen. Sie sind die Meinungsmacher, sie haben den Bildungsauftrag, sie tragen eine große gesellschaftliche Verantwortung. Und dieser entziehen sie sich konsequent.

Es ist ja toll, dass es hin und wieder Netzthemen in den Mainstream schaffen, doch werden diese nur aufgrund ihrer Novität und nicht wegen wirklichem Interesse aufgegriffen. Denn neue Themen sind selten und müssen gemolken werden, um die Sendezeit auch mal anders füllen zu können. Eine ernsthafte Auseinandersetzung findet jedoch überhaupt nicht statt, denn man will ja nicht unangenehm, anspruchsvoll, fordernd oder abschreckend sein. Morgen sollen ja wieder Politiker auf dem Sessel platz nehmen und der Zuschauer vor dem Fernseher einschlafen. So wandert der Diskurs maximal auf die Meinungsseiten der Tageszeitungen und zurück ins Netz.

Nur wie kann man an diesem Status Quo etwas ändern?

  • maximal vier Gäste, die nicht am entgegengesetzten Meinungsspektrum sitzen
  • ein gut in das Thema eingearbeiteter Moderator, der nicht versucht blöde Witze zu reißen und dabei das Gespräch unterbricht (I’m looking at you, Markus Lanz)
  • 90-120 Minuten Sendezeit
  • echte Seriösität
  • Gäste, die nicht nur Teil der männlichen Oberschicht sind
  • Experten, denen Raum gegeben wird, komplexe Zusammenhänge zu erklären
  • das Bewusstsein, dem Zuschauer auch zu später Stunde noch etwas Hirnleistung zutrauen zu können
  • und zu guter Letzt, ein Ablegen des Bedürfnisses, mit den Privatsendern konkurrieren zu müssen

Ich weiß, ich bin naiv und das werden wir so schnell nicht erleben, aber wir sind uns wohl darüber einig, dass es nichts bringt hier unser eigenes Süppchen zu kochen.

Bis es so ein Format gibt, wird jedenfalls mein Fernseher weiterhin aus bleiben.

Comments