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Fernsehformate Im Allgemeinen Und 30 Minütiges Drama Im Speziellen

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In diesem Artikel setze ich mich ein wenig mit den gängigen TV-Formaten auseinander, um dann zu einem etwas neueren zu kommen, das meiner Meinung nach das Potential hat, frischen Wind in unsere Serienlandschaft zu bringen und es auch schon getan hat.

Einstündiges Drama

The Wire

Als mit Oz, The Sopranos und The Wire das goldene Fernsehzeitalter eingeläutet wurde, fand jegliche Innovation im einstündigen Drama statt. Hier wurde experimentiert, mit dem Format gespielt, erstmalig Antihelden etabliert und Geschichten erzählt, die nicht nach einer Folge abgeschlossen wurden. Dem Zuschauer wurde mehr zugetraut und erwartet, keine Episode auszulassen.

Mittlerweile gibt es das einstündige Drama in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen und der männliche weiße Antiheld dominiert die amerikanische Fernsehlandschaft. Das Meiste ist eine Wiederholung der Wiederholung und man fragt sich, wo noch innovatives Fernsehen passiert.

Sitcom

TBBT

Die Multikamera-Sitcom ist ein bewährtes und gut abgehangenes Format, wo ohne wehzutun Variationen eines Themas durchexerziert werden und die immergleichen Showrunner beauftragt werden, weil sie die Formel draufhaben, möglichst schmerzlos ihre Serie in Syndication zu bringen. (Chuck Lorre anyone?)

Im Cartoon-Segment gibt es immer wieder schöne Nischenproduktionen, weil sie so günstig produziert werden können aber fristen meist ihr Dasein auf Adult Swim oder als Webseries, bis sie genug Zuschauer haben.

Reality-TV

Idol

Fast die meiste Innovation passiert wohl im Reality-TV, weil es am wenigsten kostet, viel Sendezeit füllt, und alle Sender voll davon sind. Mit Reality-TV generieren die Sender Millionen von Zuschauern zu fast keinen Kosten, in der Hoffnung, dass sie zum gescripteten Fernsehen bleiben. Gerade in dem Segment ist der Kampf um Aufmerksamkeit am größten. Auf jedem Sender läuft eine Casting-/Koch-/Inselshow. Gerade deshalb ist der Zwang, irgendein Alleinstellungsmerkmal zu finden, so groß. Aus Big Brother wird Survivor wird The Amazing Race, aus American Idol wird The Voice und aus dem Kochsegment im Morgenmagazin wird Top Chef. Aber es gibt auch viel neues. Nach Sängern wird nach Modeln, dann nach Designern, später nach Azubis und am Ende nach Spitzenkräften gesucht. Aus Hausaufmöbelsendungen, werden Besuche bei Messis, aus charismatischen Pfandleihern in Pawn Stars werden versteigerte Garagen mit Inhalt in Storage Wars. Bei Sendungen wie Pawn Stars und Storage Wars fanden sie eine so gute Formel, dass es unzählige Spin Offs gibt, die den ganzen Tag lang laufen.

Halbstündiges Drama

Louie

Gescriptetes Fernsehen ist jedoch teuer — sehr teuer. Deshalb wird wenig probiert, was nicht ein bereits bewährtes Format ist. HBO stellt hier die einzige Ausnahme, da sie aufgrund ihrer Abonnenten keinen Wert auf Einschaltquoten legen müssen. Da ist es ihnen wichtiger einen Erfolg bei den Kritikern zu landen, der auch den medialen Buzz und letztendlich mit diversen Awards den Sender ins Gespräch bringt. Das Geld wird tatsächlich ganz woanders verdient.

In letzter zeit macht sich jedoch ein anderes neues Format breit. Das dreißig minütige Drama. Hier gibt es meist eine kreative Person, die fast das ganze Projekt in der Hand hat. Sie schreibt, spielt, schneidet und produziert im Extremfall. Eine Kreative Vision, ein kohärentes Ergebnis. Oft bekommt diese Person vom Sender einen festen, recht kleinen Betrag (~$200.000 pro Folge) und genießt fast vollkommene künstlerische Freiheit.

Drei wirklich schöne Beispiele dafür sind Louie, Girls und Enlightened.

Louie ist die extremste Variante dieser neuen Nische. Louis CK bekommt sein Geld und kann damit anstellen, was er will. Er schreibt, spielt, führt Regie, schneidet, lädt Freunde und Kollegen zum Mitspielen ein und hält hin und wieder die Kamera in der Hand. Zudem spielt er eine Version von sich selbst. Er bricht mit jedem gängigen Format, so produziert er teils humoristische, teils tragikomische Episoden, mal über etliche Folgen zusammenhängende Geschichten, mal mehrere Kurzgeschichten pro Folge, die nur durch ein grobes Thema zusammenhängen.

Die ganze Serie ist ein einziges Experiment und der kritische Erfolg gibt ihm Recht. Es gibt sicherlich gerade keine außergewöhnlichere Serie, die sich ständig neu erfindet und so konstant gut ist. In den letzten drei Jahren fand sich Louie immer locker in meiner Top5 wieder.

Girls ist das Baby von Lena Dunham, die schreibt, spielt und produziert. In ihrer Serie setzt sie sich vornehmlich mit der mitzwanzigjährigen weißen Frau der Mittelschicht auseinander. Selbstfindung, Job- und Beziehungsprobleme nehmen einen ebenso großen Raum ein, wie Freundschaft, Missgunst und gebrochene Frauenbilder. Hier sieht man mal einen ganz anderen Blickwinkel auf diverse Alltagsprobleme, als die omnipräsente Sicht des älteren, wohlsituierten Mannes, der sonst hinter den meisten Serien steckt.

Auch hier zieht sich das Thema der nicht gecasteten Stars, des kleinen Budgets und dem hohen Maß an Freiheit und daraus resultierender Novalität fort. Genauso wie Louis CK wurde auch sie für ihre großartige Auftaktstaffel mit Awards bedacht und ist des Kritikers Liebling.

Das letzte Beispiel — Enlightened — ist etwas konventioneller, aber nicht weniger interessant. Hier dreht es sich um eine Geschäftsfrau in ihren Dreißigern, die nach einem Nervenzusammenbruch lange in einer Klinik war, um wieder auf die Beine zu kommen und kehrt geläutert, mit unbändigem Enthusiasmus und positiven Willen in die Geschäftswelt zurück, die nicht weiß, wie sie mit ihr umgehen soll. Eine so aus der Realität entrückt denkende und handelnde Hauptfigur sieht man viel zu selten und ist, neben dem außergewöhnlich gut geschriebenen Skript, eine erfrischende Wohltat für das ermüdete Serienauge.

Man sieht also an diesen jungen Beispielen, dass in diesem Format — aufgrund der geringen Kosten — ein immenses Potential für Veränderung, Experimentation und Innovation steckt. Hier können sich junge Nachwuchsautoren mit ihrer Idee ausprobieren, in dem Business unetablierte Personengruppen eine Chance bekommen und verrückte Visionen einen adäquaten Sendeplatz bekommen und so eine Möglichkeit auf Entdeckung erhalten.

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