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Cloud Atlas

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Cloud Atlas

Einen ambitionierteren Indiefilm als Cloud Atlas hat es in den letzten Jahren wohl kaum gegeben. Das Buch von David Mitchell strukturiert seine sechs Geschichten wie Matroschka Puppen. Er erzählt die Geschichten in chronologischer Reihenfolge bis zur Hälfte, springt dann zur nächsten, bis er bei der letzten angelangt und erzählt dann die zweiten Hälften in rückwärtiger Reihenfolge zu Ende.

Die Verfilmung der Wachowski Geschwister und Tom Tykwer geht einen anderen Weg. Hier werden die Fragmente der Geschichten wie ein Satz Puzzleteile auf den Boden geworfen und wild aneinander gereiht.

Dieser Ansatz erwartet für die erste Stunde des Films eine Menge vom Publikum, ist Cloud Atlas zwar packend und bewegt sich in sechs interessanten Zeiten und Schauplätzen, so ist eben die erste Stunde reines Setup, ohne dass etwas wirklich spannendes passiert. In den letzten zwei Stunden fügen sich die einzelnen Fragmente dann langsam zu sechs Minifilmen zusammen, die — mit etwas Abstand betrachtet — tatsächlich eine recht interessante Story ergeben (und ich meine nicht das offensichtliche “Alles-ist-Verbunden-Thema”).

Cloud Atlas handelt von zwei Seelen — einer guten und einer widerwärtig bösen — die über einen Zeitraum von tausenden von Jahren immer wieder interagieren und auf diese Weise positiven Einfluss aufeinander ausüben, bis die böse Seele am Ende eine komplette Transformation zum Guten vollzogen hat.

Die sechs Schwänke erzählen von diesen Begegnungen in unterschiedlichen Kontexten, die fast immer andere Hauptfiguren haben und von deren sich über die Zeit immer wiederholenden Problemen und Fehlern.

Diese offensichtliche Beobachtung, die der Zuschauer haben wird — Namentlich: “Alles ist verbunden und wiederholt sich” — ist die langweiligste, kommt sie doch schon in den ersten Minuten des Filmes mit dem Vorschlaghammer daher und wird über den Verlauf von drei Stunden Spielzeit totgeritten, dass man fast jegliche Lust auf den Film, und was er eigentlich erzählen will, verliert.

Das bringt bringt mich zu den großen Problemen von Cloud Atlas.
Bei einer solchen Anthologie an Geschichten (oder Hyperlink Film, wie man möchte) müssen die Einzelteile — neben der Moral, die transportiert werden soll — für sich selbst gut funktionieren und hier scheitert der Film grandios. Wo jeder Minifilm zwar eine interessante Genreübung (von Abenteuer über Liebe, Comedy und Noir bis SciFi) ist, so sind diese eher ein Highlightreel des jeweiligen Genres, ohne die nötigen Entwicklungen und Hintergründe, die man bräuchte, damit sie fesseln. Die Hälfte der Filmchen sind entweder langweilig, zusammenhangslos oder einfach schlecht erzählt, wogegen zwei davon recht gut funktionieren und auch für sich alleine gut unterhalten. Aber auch hier muss der Zuschauer eine Menge Löcher stopfen, um die Entwicklungen halbwegs plausibel zu machen.

Das wäre schon schlimm genug, wenn die acht Hauptfiguren (Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw und James d’Arcy) nicht so zum lachen scheiße geschminkt worden wären. Hier werden Weiße zum Asiaten, Asiaten zum Weißen, Farbige zu Weißen und Asiaten, auf alt und auf jung gemacht, wechseln das Geschlecht und fast nichts davon sieht überzeugend aus. Im Gegenteil. Meist ist das Ergebnis zum Lachen komisch und reißt einen aus der ganzen Geschichte, die vielleicht gerade einen emotionalen Moment hat.

Sicherlich kann man argumentieren, dass es thematisch wichtig ist für diesen Film, dass man unter all dem Makeup den Schauspieler erkennt, aber in den meisten Fällen scheitert das Makeup ganz einfach auf technischem Level.

Wenn Cloud Atlas auch an vielen Stellen und auf vielen Ebenen scheitert, so macht der Film doch einiges wirklich gut.

Die Kurzgeschichte um Timothy Cavendish (das angesprochende Comedysegment) zeigt, wie sich eine Idee auf absurdeste Art und Weise weiterentwickeln und ultimativ die Welt verändern kann.
Cavendish äußert in dem Seniorenheim einen Satz, den er später zu einem ernsthaften Buch verarbeitet, dass zu einem trashigen Film adaptiert wird, von dem Sonmi-451 einen Ausschnitt sieht, der sie fundamental trifft und sie zu der Figur macht, die sie in der Zukunft darstellt und so eine ganze Gesellschaft zum Einsturz bringt.

Toll fand ich die dargestellte Entwicklung von Sprache in Cloud Atlas. Über den dargestellten Zeitraum degradiert die Sprache von einem grammatikalischen Reichtum mit immensem Vokabular zu einfachstem Satzbau mit dem geringst möglichen Wortschatz, mit dem kommuniziert wird. Das macht den Film zwar schwerer zu verstehen, aber gleichzeitig authentischer.

Die komplizierte Erzählstruktur wird durch einen beispiellos leichtfüßigen Schnitt zusammengehalten. Zu Beginn bekommt man einen groben zeitlichen und örtlichen Rahmen und das wars. Trotzdem weiß man immer genau, wo man sich befindet und wem man gerade zuschaut.

Letztlich muss der hervorragende Soundtrack Tykwers erwähnt werden, der — wenn es schon die Kurzgeschichten nicht schaffen — emotional berührt und mitreißt.

Abschließend lässt sich sagen, dass ich Cloud Atlas zwar sehr ambitioniert, aber in den meisten Details scheiternd sah. Die Kurzgeschichten befassen sich mit schon oft erzählten Themen, ohne ihnen einen cleveren Spin zu geben, das Grundthema des Films, das die Geschichten zusammenhält ist nicht besonders clever inszeniert, sondern kommt mit dem Vorschlaghammer daher, das Makeup ist vollkommen daneben und so scheitert Cloud Atlas auch insgesamt.

Der Soundtrack, die Sprache und das ausnahmslos sehr gute Schauspiel schafften es jedoch, mich in jede Epoche zu versetzen und Tom Hanks Reise zu einem besseren Ich gaben mir ausreichend, um mich an dem Film festzuhalten.

★★★✩✩

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