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The Newsroom S01E05 - Amen

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Die üblichen Fernsehkritiker auf der anderen Seite des Teichs haben ja die ersten vier Episoden von The Newsroom als Screener bekommen, waren mehr oder weniger begeistert vom Piloten und der Meinung, dass die Serie von Folge zu Folge schlechter wird und die vierte die mit Abstand schlechteste der vier ist. Meine Hoffnung war, dass es von da an bergauf geht, wobei ich die grundsätzliche Richtung, die die Show einschlägt extrem uninteressant finde. Das ganze Beziehungsdrama am Arbeitsplatz war schon in Sports Night nicht Sorkins Stärke, was er scheinbar erkannte und in The West Wing nur nebenbei behandelte, um der Serie mehr charakterlichen Tiefgang zu geben. Hier — in The Newsroom — kehr er nun zu alter Schwäche zurück und reichert das ganze noch mit schrillen und hysterischen Frauenfiguren an, was das Ganze nicht sehenswerter macht.

Was mich am meisten aufregt, ist die Art und Weise, wie Aaron Sorkin die Geschlechterrollen verteilt. Während sich die Frauen blind an den nächstbesten Kerl werfen, voller Selbstzweifel sind und von sich selber sagen, wie dumm gewisse Männer sie doch finden werden, bzw. fast ausnahmslos den Reality-TV Diskurs führen, den Jeff Daniels Figur so verteufelt, dürfen die Männer von ihrem hohen Ross hinunter predigen, untergebene und vorgesetzte Frauen aufs tiefste beleidigen oder tagelang über Bigfoot referieren und werden dabei von tragender Coldplay Musik als Helden gefeiert. Dabei brüllen sie jedem, der es nicht wissen will ins Gesicht, dass sie doch zur Elite gehören, sie auf einem Kreuzzug gegen allgemeine Verdummung unterwegs sind und vögeln dabei jedes Model, das nicht bei drei auf den Bäumen ist.

In der Hoffnung, dass dieser Trend aufhört, schaute ich mir die aktuelle Episode an.

Amen

The Newsroom

Die Basis bildet ein recht ordentlicher Plot über den Regimewechsel in Ägypten und Reporter, die ihr Leben riskieren, um vor Ort zu berichten. Nur wird dieser Handlungsstrang so schamlos mit der Underdog-Geschichte von Rudy und der weiblichen Hysterie und männlichen Apathie um den Valentinstag verwoben, dass dieser dagegen leider verblasst.
Nachdem der hausinterne Reporter in Ägypten halbtot geprügelt wurde, brauchen die News Nighter eine neue authentische und verlässliche Quelle vor Ort. Dazu wenden sie sich an Neal, der uns schon die ganze Zeit etwas von diesem Internet erzählt und der scheinbar einen Kanal zu “Amen”, einem jungen Mann vor Ort hat, dessen Name sowohl eine tiefe Bedeutung hat (der Versteckte) als auch Spielraum für jede Menge Wortwitze bietet.

Neal fungiert also als Kontaktmann zu Amen und darf im Laufe der Episode von deren ähnlicher Vergangenheit erzählen (“We are both idealistic about the internet.”), die Wichtigkeit von Wikileaks untersstreichen und sich zwei Finger brechen, weil er einen Faustkampf mit einem Dell Monitor hat. Zwischendurch ist das ganze Team ganz ergriffen und fängt an zu heulen, weil sie einen Nobody aus Ägypten an Land ziehen, der exklusiv für sie berichtet. Wie aufopferungsvoll.

Es ist der 11. Februar 2011, also drei Tage vor Valentinstag. Grund genug, den professionellen Newsroom, in dem nur elitäre Journalisten arbeiten, die ihre Arbeit ernst nehmen, mir allerlei Herzen aus Papier und Ballons zu dekorieren — ist ja nicht so, als dass man diesen bei jedem Broadcast im Hintergrund sieht — und haufenweise Gelegenheiten zu bieten, dass die halbe weibliche Crew mehrere Anfälle bekommen kann. Natürlich auch inmitten des hochprofessionellen Arbeitsplatzes, der der Newsroom nunmal ist. Maggie darf sich vor all ihren Kollegen mehrfach zum Affen machen, ihre Mitbewohnerin gleich mit und MacKenzie McHale darf in dieser Folge gleich zweimal zeigen, wie dumm sie doch ist, indem sie zum einen von Will bloßgestellt wird, weil sie für Addition und Subtraktion im Zahlenbereich bis 20 ihre Finger benutzen muss und sie gegenüber der einzigen angenehmen Frauenfigur, der Wirtschaftsjournalistin Sloan (Olivia Munn), zugeben muss, dass sie keinerlei Ahnung von Wirtschaft hat und einen Crashkurs braucht, der gleichzeitig ein Crashkurs für den Zuschauer ist, denn sonst wird die Newsstory, die auf amerikanischem Boden stattfindet, nicht verstanden.

Großartig, wie The Newsroom versucht uns allen einzuhämmern, dass ernsthafte News ein gefährliches Business ist, in dem das halbe Team mit (bis auf eine Ausnahme) selbst zugefügten offenen Wunden im Newsroom herumsitzt und trotzdem seine Arbeit macht. How fucking brave!

Nachdem Will McAvoy das Arschloch in güldener Ritterrüstung mimen darf als er die Boulevardjournalistin, die versucht Will und Mac durch den Dreck zu ziehen, zur Sau macht, kommt er als Retter in der Not herbei und löst mit seinem eigenen Geld unseren entführten Rudy aus und bekommt seine Coachszene, als sich sein gesamtes Team nicht entblödet, um eine Schlange zu seinem Büro zu bilden und ihm je einen Scheck auf den Schreibtisch zu legen, auf dem als Empfänger auch noch “Coach” steht. Seriously?!? Das ist so over the top und auf die eigene Schulter klopfend, dass es beleidigend ist.

Hier ist nichts subtil, vage oder offen für Interpretationen, sondern mit dem Vorschlaghammer on the nose.

Auch an dieser Episode sieht man wieder, dass es sich bei The Newsroom nicht um ein Drama handelt, das harte Fragen stellt und diese mit noch mehr Härte beantwortet, sondern, dass es eine Soap Opera ist, die so tut intelligentes Fernsehen zu sein. Dabei ist die Herangehensweise aber alles andere als modern. So wie hier die Geschlechterrollen aufgeteilt werden, könnte man denken, in den letzten 30 Jahren Fernsehen habe sich nichts verändert.

Downton Abbey versteckt seine Soap auch. Dort hinter einem historischen Drama, aber Julian Fellowes schreibt seine Figuren sehr unkonventionell, vertauscht Rollen und bedient nicht die abgegriffenen soap tropes. Nichts davon versucht Aaron Sorkin in The Newsroom und genau das macht die Serie so unerträglich, dass selbst gute Geschichten von der zentralen Seifenoper so überschattet werden, dass sie den ganzen Raum einnehmen.

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