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State of Play vs. State of Play

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Wie so häufig gibt es zu so manchem amerikanischen Film eine europäische Property, auf der dieser basiert. So auch hier.

Die Gemeinsamkeiten

State of Play erzählt die Geschichte einer Zeitungsinvestigation über den Tod einer jungen Frau und die Beziehung zwischen dem leitenden Journalisten und seinem alten Freund, der im Parlament arbeitet und sowohl der Arbeitgeber der Toten, als auch ihr Geliebter war.

Die Serie

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State of Play — die TV-Fassung — ist eine sechsteilige, britische Miniserie von 2003, die auf der BBC lief. Geschrieben von Paul Abbott, der auch für die sehr guten Stückchen Fernsehen Cracker und Shameless verantwortlich war. Regie führte David Yates, der die meisten Harry Potters verbrochen hat. Und dann ist da noch der ganz hervorragende Cast, der sich im wesentlichen aus Bill Nighy, Kelly Macdonald, James McAvoy, David Morrissey und John Simm zusammensetzt.

Die Serie macht in etwa alles anders, was man bei einer gleichen Basisstory anders machen kann. Es handelt sich hier nunmal um eine Miniserie, die dreimal so viel Zeit hat wie ein Kinofilm und diese auch nutzt. Das Hauptaugenmerk liegt hier auf der Investigation der Zeitung in aller Kleinteiligkeit, die man auch von The Wire kennt. Hier nehmen sie sich drei Folgen lang Zeit den wichtigsten Informanten zu finden und davon zu überzeugen auszusagen, spielen die Affäre zwischen Journalist und der verprellten Politikerfrau bis zum bitteren Ende aus und beleuchten insgesamt jede einmal geöffnete Storyline bis in die letzte Ecke.

Das ist toll, immer spannend, hervorragend geschrieben, immer glaubwürdig und vor allem kurzweilig.

Zu sehr in die Plotdetails möchte ich an dieser Stelle nicht gehen, da ja auch noch Lust zum Schauen geweckt werden soll.

★★★★✩

Der Film

Hier wird alles das, was in der Miniserie spannend war und in Feinheiten erzählt wurde — die Ermittlungen, die Suche nach Informanten, die Befragungen, die Recherche — im Wesentlichen zu einer wenige Minuten langen Montage zusammengestrichen und -geschnitten.
Der politische Hintergrund hält sich mit unwichtigen Kleinigkeiten auf, nur um Ben Affleck ein paar fiese Sprüche in einem schicken Saal zu einem bösen Defense Contractor zu sagen. Die tatsächlichen Irrungen und Wirrungen, die aus der Serie ein Polit-Thriller machten, fallen in dieser Version fast vollständig hinten runter.

Leider geht es hier in erster Linie um die Privatisierung der Homeland Security und was das für Probleme nach sich zieht und weniger um den eigentlichen Todesfall und die lange Freundschaft der beiden Hauptfiguren.

Selbstverständlich muss ein Remake nicht Punkt für Punkt alles gleich machen, wie das Quellmaterial, aber man sollte schon die Stärken erkennen und darauf ggf. einen Spinn machen, aber nicht völlig neue Aspekte erfinden und diese zum Mittelpunkt der Geschichte machen. Dann kann man dem Film auch einen anderen Namen geben.

Der zentrale neue Mittelpunkt der Geschichte ist die Modernisierung der Zeitung, die Schauplatz des Filmes ist. Diese hat neue Investoren bekommen und bestimmt entsprechend einen neuen, moderneren Weg mit kürzeren Recherchezeiten, schnelleren Artikeln, größere Konzentration auf die Onlinesparte usw.

Russell Crowe mimt hier den old fart, der am klassischen Journalismus festhält und die junge Bloggerin, die sich in seine Story einmischt, verspottet und verachtet. Ein paar unpassende Zitate von ihm sind:
„Ich weiß auch nicht. Da muss ich wohl erst noch ein paar ‚Blogs‘ drüber lesen.“
„The bloodsuckers and bloggers.“
„Do you have a pen?“

Der dismissive Ton über Onlinemedien und der plakative Umgang damit nerven. In den Redaktionsräumen der Zeitung klebt über dem Cubicle der Bloggerin nur ein ausgedruckter A3 Zettel mit dem Wort ‚Internet‘ drauf. Da weiß man schon, was der Film sagen will und wenn man sich anschaut, was der Film sonst noch verwursten will, weiß man auch, was er überhaupt zu sagen in der Lage ist. Nämlich so gut wie gar nichts.

Als ob es nicht ausreichend Story im Ausgangsmaterial gegeben hätte, immerhin sind es sechs Stunden sehr dicht erzählte Story. Muss hier noch eine Medienkritik über Print und Online stattfinden. Wie langweilig ist das bitte? Wenn ich mich an 2009 zurückerinnere, war eben das, das Hauptthema, über das die Kritiker gesprochen haben. Dabei gibt das Material so viel mehr her.

★★✩✩✩

Der Vergleich

Die beiden Versionen sind jedenfalls schön für einen direkten Vergleich zwischen britischem Fernsehen und amerikanischen Hollywood-Kino. Interessiert einen eher das Erzählen einer guten Geschichte, ist man in der britischen Variante weitaus besser aufgehoben. Der Film interessiert sich eher für ein paar reißerische Sätze über die Privatisierung des amerikanischen Militärs und eine oberflächliche Auseinandersetzung mit Onlinejournalismus und dem Fall des Printmediums, was aber nie mehr als eine Randbemerkung ist. Durch das Zusammenstreichen der Ermittlung und der Verwässerung der Hauptstory bleibt leider kaum sehenswertes vom Ausgangsmaterial übrig.

Also. Schaut die Miniserie und macht Werbung für gutes, britisches Fernsehen. Die haben es verdient.

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