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Über Kritik

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Angestoßen von einer Diskussion über Filmkritik und dem gerade wieder aufkeimenden Gabashe diverser mobiler Plattformen und Geräte, will ich auch mal meinen Senf dazu geben.

Die halbe Netzwelt erzählt vom Untergang des Print durch die Demokratisierung von Wissen, Veröffentlichungsplatformen und Kritik in allen Bereichen. Film, Fernsehen, Tech. Jeder kann seine 2 Cents dazugeben und schimpft das dann Kritik. Dadurch sollen dann professionelle Kritiker, die im Print veröffentlichen obsolet werden und überhaupt ist Print tot.

Natürlich hat jeder die Plattform etwas zu schreiben und manche Webseite hat ähnliche Leserzahlen, wie große Printveröffentlichungen. Wird dadurch Print geschweige denn professionelle Kritik überflüssig? Nein!

90% der „Kritik“ im Netz ist keine. Bei Film und Fernsehen beschränkt sich viel darauf, über das jeweilige Werk zu reden, es zu beschreiben und einen Schaubefehl auszusprechen. Sie sind quasi die Booster Hollywoods. Kritik ist etwas anderes. Professionelle Kritiker sind meist in diesem Gebiet ausgebildet, haben einen großen Erfahrungshorizont und können gesehenes/gehörtes in einen historischen Kontext setzen. Nur durch diesen Kontext, durch Vergleiche mit anderen, sich thematisch überschneidenden Werken, kann eine Einordnung stattfinden und so wird aus Geschwafel Kritik.

Versteht mich nicht falsch. Auch dieses Geschwafel hat seine Daseinsberechtigung. Man kann als Leser eine Menge Unterhaltung aus einer Besprechung einer Comedyepisode ziehen, in der nacherzählt wird was passiert, Anspielungen erklärt werden und man sich gemeinsam über lustige Dialoge freut. Dort findet ein Austausch statt, bei dem eine Gruppe von Menschen zusammenkommt, die eine ähnliche Meinung zu einem Stück Kultur haben und man gemeinsam darüber reden kann.

Kritik möchte etwas anderes. Ein Kritiker findet heraus, worum es in dem Werk geht, analysiert was die Intentionen dahinter sind und schaut, ob der Erschaffer darin erfolgreich ist und warum. Dazu findet er thematisch vergleichbares und setzt diese ins Verhältnis zueinander. Wenn ein Kritiker dann Inception verreißt, weil es in den 60er Jahren einen anderen Film gab, der dessen Konzepte weit besser umsetzte, ist das der Unterschied zwischen Blogger und Kritiker. Der Blogger hat im Zweifel nicht den Erfahrungsreichtum bzw. kann thematisch nicht soweit abstrahieren, um diesen Vergleich zu ziehen. Im Zuge einer Kritik kommt es selbstverständlich zu negativen Worten, aber es steht nicht die Negativität im Vordergrund, sondern die Diskussion, die er damit anregen will. Den Austausch von zwei Parteien die unterschiedlicher Meinung sind. Im besten Fall findet man zwei gut argumentierte, konträre Meinungen, kann diese miteinander Vergleichen und so seine eigene Ansicht formen, konkretisieren und den eigenen Blick schärfen.

Leider sieht man viel zu oft, dass gerade Online diese Form der Kritik nicht erwünscht ist. Der geneigte Leser möchte seine eigene Meinung bestätigt sehen und lässt selbst hervorragend argumentierte konträre Meinungen nicht zu und begegnet dem Autor mit Hasstiraden. Wie könne er denn nur den neuesten Pixar-Streifen nicht als the second coming ansehen?
Die sogenannte „Demokratisierung der Kritik“ trägt nur dazu bei, dass professionelle Kritik immer weniger wertgeschätzt wird.

Überhaupt ist „demokratisierte Kritik“ ein dermaßen dummer Begriff. Professionalität, Wissen und Erfahrung lassen sich nicht demokratisieren. Und egal, wie viele Filmfreaks, Seriengucker oder Technikbegeisterte sich dazu berufen fühlen ihren eigenen Blog aufzusetzen und über ihr Hobby zu schreiben, Kritiker werden immer einen wichtigen Platz in der Kulturlandschaft haben. Und diese Kritik findet noch – und mit Sicherheit noch eine ganze Weile – im Print statt, denn renommierte Zeitungen leisten sich neben einer guten Meinungsseite auch gute Kritiken im Kulturteil.

Die oben angesprochene Apathie gegenüber anderen Meinungen spiegelt sich schon seit viel zu langer Zeit auch im Technikbereich wieder. Ständig kommen böswillige Schreiereien hoch, in dem jeder sein Lieblingsbetriebssystem, -telefon, -ebookreader bis aufs Blut verteidigt und im Zuge dessen alle anderen in Grund und Boden redet. Wer bitte hat davon etwas? Das ist weder Kritik, noch Diskussion. In einer Diskussion werden Argumente miteinander verglichen und zur Färbung der eigenen Meinung benutzt. Dies findet nicht statt.
Warum versteht die laute Mehrheit nicht, dass jeder mit anderen Erwartungen, Wünschen und Preisvorstellungen an eine Kaufentscheidung herantritt? Der Eine will ordentlich Mail auf seinem Gerät haben, der Nächste das größtmögliche Maß an Freiheit und der dritte ein (Öko-)System aus einer Hand. Glücklicherweise ist für fast jede Geschmacksrichtung etwas dabei. Warum sollte man darüber streiten?

Man kann darüber diskutieren, was Vor- und Nachteile eines Geräts oder Betriebssystems sind und hätte davon was, aber das findet kaum statt. Warum fühlen sich so viele dazu berufen andere von ihrer Meinung zu überzeugen, ohne wirkliche Argumente zu bringen? Das ist ziellos und lenkt von einer fruchtbaren Diskussion ab.

Ich werde mich jedenfalls aus dieser Lächerlichkeit weiterhin raushalten und nur dann meinen Mund öffnen, wenn ich wirklich etwas zu sagen habe.
Mein Geschwafel über Serien, Filme und Sonstigem werde ich mit aber nicht verkneifen. Aber ich behaupte ja auch nicht Kritiker in irgendeiner Form zu sein.

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