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Mein Textfilesystem

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Ich lebe in Textfiles und liebe Textfiles. Sie sind klein, unglaublich flexibel und werden ewig mit einem bunten Strauß Programme editierter sein. Da man vieles in Plaintext machen kann habe ich über einen recht langen Zeitraum mein eigenes kleines Ökosystem entwickelt, mit dem ich immer und überall an Texten arbeiten, oder Notizen machen kann.

Aber langsam. Wofür benutze ich denn eigentlich Text?

LaTeX

Zum einen benutze ich für alle Texte, die tatsächlich ein gewisses Maß an Formatierung benötigen (und das sind gar nicht mal so viele) LaTeX. LaTeX ist eine Beschreibungssprache, ähnlich html, die dazu dient Text, Formeln, Tabellen und Grafiken in einem bestimmten Format auf ein Blatt Papier zu setzen. Gelernt habe ich LaTeX zu Beginn meines Studiums zwangsläufig, da man nur damit wirklich ordentlich gesetzte Formeln realisieren kann. Mittlerweile benutze ich LaTeX für alles, auch wenn der Text keine mathematischen Formeln enthält. Denn es geht alles so viel einfacher und vor allem konsistenter, als in Word beispielsweise. Wer schon einmal in einem langen Text schrieb, in dem die Überschriften auf der Standardformatvorlage basieren einmal nachträglich den Erstzeileneinzug geändert hat, weiß wovon ich rede.
Ich schreibe auch kurze Briefe damit. So weiß ich immer, dass beide Addressfelder und die Unterschrift immer an der richtigen Stelle sitzen, ohne dass ich anfangen müsste zu rücken.

Markdown

Der zweite Teil an formatierten Texten, die ich nicht als pdf rauslasse sind Blogposts. Die kann ich natürlich auch fix im Wordpress-Backend schreiben, aber da fühle ich mich nicht so wohl, wie in einem Programm was nativ auf meinem Rechner läuft und so richtig toll funktioniert das Wechseln zwischen dem visuellen und dem html Editor auch nicht.
Markdown to the rescue! Markdown ist ein kleines Subset von html, welches mit einfachen Tags sowohl den Text formatiert, ihn gleichzeitig leicht schreib- und lesbar macht.
Schreibt man z.B. *foo* wird foo kursiv dargestellt. **bar** mach bar fett. Beginnt man eine Zeile mit einem * hat man Listen und ein vorangestelltes # macht eine erste Überschrift, ## eine 2. Überschrift usw. usf.
Man kann also mit kurzen knappen Tags kleine Basisformatierungen von Text machen, die für Blogposts vollkommen ausreichen und vereinfacht darüber hinaus das Einfügen von Links und Bildern extrem.
Was daran also wirklich schön ist, ist die Möglichkeit in Plaintext zu bleiben, diesen aber trotzdem zu formatieren und im Gegensatz zu html gut lesbar zu lassen.

Notizen

Der dritte Teil, für den ich Textfiles benutze sind alle meine Notizen. Kram, der mir im Kopf umherschwirrt, Empfehlungen für Filme, Serien, Musik usw., Cocktailrezepte, Essensrezepte, Ideen für Blogposts, Kurze Gedanken zu Serien und Filmen, die ich gesehen habe. Einfach alles. Das ist im Endeffekt so, wie der ‘Getting Things Done’ Ansatz. Alles, was man im Kopf hat niederschreiben, damit man sich darauf verlassen kann es irgendwo wiederzufinden.

Nur wie?

Zum einen eine Software, die diesen ganzen Wahnsinn übersichtlich und leicht benutzbar hält, und zum anderen ein System, um die Übersicht zu behalten und den Kram halbwegs auffindbar zu machen.
Als Software aufm Mac benutze ich einen Fork von Notational Velocity. Nämlich Notational Velocity Alt (sprich: nvALT). Das Programm besteht aus einem Suchfeld, einem Bereich, der die zuletzt bearbeiteten Dateien und einem Feld, das den Inhalt der gewählten Datei anzeigt. Das Programm macht nur Textdateien und wirft alle in einen Ordner. Nun kommt der Clou. Das Textfeld macht eine Livesuche auf Dateinamen und den Inhalt und filtert diese im Bereich darunter. Findet man nichts, was auf die Suche passt und drückt Enter, wird eine neue Textdatei mit dem Suchbegriff als Namen erstellt und springt direkt in den Eingabemodus. Großartig also um schnell was in seinen Notizen zu finden, oder neue zu erstellen.
Soweit, so gut. Nun will man das ganze auch unterwegs benutzen, denn da hat man nun mal am häufigsten das Bedürfnis sich etwas zu notieren. nvALT hat zwei Möglichkeiten seine Dateien zu syncen. Zum einen benutzt es das Backend von Simplenote, dann ist man aber auch an Simplenote auf dem iPhone beschränkt. Die andere Möglichkeit ist, den nvALT Ordner auf die Dropbox zu legen. Damit gibt es gleich einen ganzen Sack an Apps, die damit arbeiten können. Da ich nur ein iPhone habe, kenne ich mit den anderen mobilen Plattformen nicht so aus, glaube aber, dass es dort auch Editoren gibt, die Dropbox als Backend benutzen. Auf dem iPhone gibt es PlainText, Elements, Nebulous Notes und meinen Favoriten Notesy.
PlainText ist der einfachste von allen, Nebulous Notes kann Macros und ist gut customizable. Notesy ist schön übersichtlich, tut was es soll, kann auch andere Formate lesen, wenn man sie in den Ordner wirft und entspricht meinen Vorstellungen am ehesten.
Damit habe ich nun also die Möglichkeit von überall Notizen zu machen und sie durch Dropbox auf allen Geräten im Sync zu haben.
Um nun Ordnung in den (in meinem Fall knapp 200) Notizen zu behalten, lohnt es sich ein paar Gedanken zur Benamung zu verlieren. Ich mache das folgendermaßen: Es gibt etwa eine Handvoll Kategorien, in die man viele Notizen einsortieren kann. Diesen gebe ich einen Namen, hänge ein ‘X’ an, um die Suche besser einzuschränken, gefolgt von zei Bindestrichen und dem Namen der Datei.

  • runX—Musik: ist eine laufende Datei mit allen Musikempfehlungen.

  • blogX—foo: ist eine Notiz zu einem Thema, über das ich ggf. bloggen werde.

  • refX—LaTeX: ist eine Referenzdatei für nützliche LaTeX Befehle, die ich immer mal gebrauchen kann.

  • rechnungX—Mai: sind Ausgaben, die ich in dem Monat tätigte.

  • rezeptX—Jambalaya: Mein Jambalaya Rezept.

  • drinkX—Whiskey Sour: Eines oder mehrere Rezepte für diesen Drink.

Man sieht den Vorteil. Ich kann entweder eine Volltextsuche machen und so direkt eine Notiz finden, oder ich suche nach einer Kategorie und filtere so alle Rezepte, die ich gespeichert habe. Ist quasi wie Tagging. Ich sortiere natürlich nicht jede Notiz so ein, aber eine Menge.

Die große Editorfrage

Es bleibt die Frage, welchen Editor ich aufm Mac benutze. Da folgt ja jeder seinen eigenen Gewohnheiten. Ich habe mich irgendwann an TextMate gewöhnt und habe mir darin meine Arbeitsumgebung geschaffen. Das fängt bei Macros und Shortcuts an, um in LaTeX Umgebungen zu öffnen und oft geschriebenes zu verkürzen, geht über hervorragendes Syntaxhighlighting bis hin zu vielen Automatismen, wie direktes Blogpublishing, kompilieren meiner LaTeX Dokumente und sogar dem Ausführen von Shellbefehlen direkt im Editor.
Eine extrem große Stärke von TextMate sind die Scopes. Der Editor erkennt wo ich bin und in welcher Programmiersprache ich gerade schreibe und kann so mit dem immer gleichen Shortcut Zeug auskommentieren und TextMate fügt die richtige Syntax ein.

Das einzige Problem an TextMate ist, dass die Software seit einiger Zeit nicht weiterentwickelt wurde und es nicht den Anschein macht, dass da noch was passiert. Gerade die neuen Features von OS X Lion, wie automatische Versionierung von Dokumenten, muss erst aktiv in Software implementiert werden. Auch gibt es ein paar Konzepte von TextMate, die überholt sind, wie die Undofunktion, die bei TextMate auf Zeichenniveau stattfindet.
Hier wäre eine Alternative BBEdit 10, was gerade mit voller Lionkompatibilität herauskam. Den Editor muss ich mir aber erstmal genauer ansehen und schauen, ob ich die ganzen Macros, an die ich mich gewöhnt habe auch in BBEdit umsetzen kann. Man könnte natürlich den Umweg über Drittsoftware wie Typinator oder TextExpander gehen, aber dann muss man eben auf das Konzept der Scopes verzichten und man hätte in jedem Textfeld die Macros, was man nicht immer haben will.
Ist halt alles ein ‘Work in Progress’. Man kann nur nicht ständig sein Workflow ändern.

Andere Notizsysteme

Nun gibt es ja auch noch andere Systeme, mit denen man seine Notizen verwalten kann wie Yojimbo oder Evernote und ähnliche. Schön daran ist die Möglichkeit einfach alles reinzuschmeißen. Bilder, Webseiten, Text, Videos, Audiofiles und so. Bei Yojimbo kann man seine Notizen sogar verschlüsseln und bei Evernote hat man sie in der Wolke und so von überall Zugriff darauf.
Das Problem an diesen Systemen ist nur, wie man seine Daten da wieder rausbekommt, wenn man die Software oder das Betriebssystem wechseln will, oder der Dienst einfach dicht macht? Hier ist Plaintext einfach flexibler. Den kann man mit allem und jedem, auch in hundert Jahren noch lesen und bearbeiten. Und seien wir mal ehrlich. Wie hoch ist der Anteil an Notizen, die man nicht irgendwie in Text ausdrücken kann. Im Zweifel lädt man seine Bilder und Videos auf den Hoster seiner Wahl und speichert in den Notizen den Link dazu.
Ich jedenfalls mag die Flexibilität, die mir Textfiles liefern.

Kann sein, dass vielen mein System als kleiner Overkill vorkommt, aber es ist beruhigend, dass man immer weiß, dass man sich etwas notieren kann und es sofort wiederfindet, egal wo man ist.
Vielleicht kann ja der eine oder andere was für sich herausziehen. Über Feedback, ob jemand ggf. etwas ähnliches benutzt, oder eine bessere Idee hat, wär ich jedenfalls dankbar.

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