<

hirnrekorder

film - fernsehen - musik - zeug

The West Wing (Recap)

| Comments

Ich versuche ja, mir nach und nach die ganzen Serienbrocken vorzunehmen, die man so gesehen haben sollte, wenn man auf das Format steht.
Nach The Social Network, dessen schnelle und clevere Dialoge meine persönlichen Highlights des Filmes waren, dachte ich mir, ich sollte dann doch mal den anderen Kram von Aaron Sorkin aufarbeiten. Ich entschied mich für den dicken fetten Gorilla aus seinem Schaffen. The West Wing.

Allgemeines (Spoilerfrei)

The West Wing lief von 1999-2006 in 7 Staffeln mit insgesamt 156 Episoden und wurde komplett von Aaron Sorkin erdacht.
Die Serie dreht sich um den fiktiven amerikanischen Präsidenten Josiah ‘Jed’ Bartlet (Martin Sheen, Apocalypse Now) und seinen Beraterstab bestehend aus dem Stabschef Leo McGarry, seinem Stellvertreter Josh Lyman (Bradley Whitford, The Good Guys), der Pressesprecherin C.J. Cregg (Allison Janney), dem Kommunikationsdirektor Toby Ziegler (Richard Schiff), seinem Stellvertreter Sam Seaborn (Rob Lowe, Parks and Recreation, Californication) und weiteren Angestellten, begleitet diese beim Tagesgeschäft des Weißen Hauses und dem Alltag der Protagonisten.

Sorkin wollte eine Serie erschaffen, die mit einem extrem hohen Anspruch an Realität und Detailliebe das politische Leben hinter den Kulissen begleitet und weniger das der Öffentlichkeit bekannten Sicht auf den Präsidenten.
So werden z.B. die beiden Kommunikationsdirektoren über mehrere Folgen dabei begleitet, wie sie an der Rede für die Amtseinführung schreiben und herum feilen, die Rede selber wird dann aber nicht gezeigt.
Ebenso verhält es sich mit der Pressesprecherin C.J. Cregg, die regelmäßig bei Pressekonferenzen gegrillt wird und darum kämpft aktuelle politische Tagespunkte im richtigen Licht darzustellen und versucht der Presse immer einen Schritt voraus zu sein. Wie sie (und die Politik, die sie verkauft) dann aber tatsächlich in der Öffentlichkeit dargestellt wird und was aus ihren Statements gemacht wird, interessiert nur in den seltensten Fällen.

Das alles hört sich jetzt vielleicht nicht besonders spannend an, vor allem weil es kaum langfristige Storylines gibt, so sind es aber die hervorragenden Dialoge und das perfekte Timing, mit dem diese gesprochen werden, die The West Wing zu der tollen Serie machen, die sie ist. Hier diskutieren hochintelligente Figuren in einem wahnsinnigen Tempo, mit viel Charme und einem komödiantischen Timing, dass man manchmal nur mit einem einstündigen breiten Grinsen vor der Mattscheibe sitzen kann, so sehr ist man von den kleinen und großen Problemen im Westflügel des Weißen Hauses eingefangen.

Die ersten drei Staffeln zählen für mich zu den besten, die das amerikanische Fernsehen zu bieten hat. Danach werden die Themen ernster und langfristige politische Handlungsstränge treten in den Vordergrund, wodurch The West Wing in der vierten Staffel in meinen Augen etwas abbaut.
An ihrem Ende verließ Aaron Sorkin die Serie und diese fiel damit in ein tiefes Loch, was es mir manchmal schwer fallen ließ weiter zu schauen, was ich aber glücklicherweise tat, denn die sechste Staffel stellt alles auf den Kopf, setzt die Charaktere neuen Situationen aus und wirbelt deren Jobs etwas durcheinander. Die siebte und letzte Staffel ist dann wieder ein echter Knaller, der für die anderthalb schwachen Staffeln total versöhnt und ein ganz hervorragendes und (wie sich das für eine Serie um den amerikanischen Präsidenten gehört) pathetisches Serienfinale abliefert.

Kritikpunkte (kleine Spoiler)

Wie schon erwähnt gefiel mir in den Späteren Staffeln die Konzentration auf die großen politischen Themen und den Gesundheitszustand des Präsidenten nicht besonders. Das liegt vor allem daran, dass dem Zuschauer die ersten Staffeln eine andere Art von Serie verkauft wurde, in der es um die kleinen Dinge geht, wie die stetigen sexuellen Spannungen zwischen Josh und seiner Assistentin Donna oder den kleinen Zickereien zwischen Jed Bartlet und seiner First Lady oder den Diskussionen zwischen Toby und Sam um Abschnitte wichtiger Reden und dem Kampf um jedes Wort oder die sich langsam entwickelnde Vater-Sohn-ähnliche Beziehung zwischen dem Präsidenten und seinem Bodyman Charlie Young. Das ist alles so großartig, dass die Abkehr davon ein großes Loch hinterließ und es eine Weile dauerte, bis ich mich für die langen Geschichten begeistern konnte.
Sehr schade war auch der Ausstieg von Rob Lowe nach 4 Staffeln, dessen Figur Sam Seaborn ich am liebsten mochte.

Aber ich möchte mich etwas mehr auf die schönen Seiten konzentrieren.
Zum einen muss man den durchweg hervorragenden Cast hervorheben inkl. der Nebendarsteller (die junge Elisabeth Moss aus Mad Men, Alan Alda aus M*A*S*H) und die dutzende Gastrollen, die alle zusammen sehr gute Arbeit leisten. Überhaupt wird die nicht sehr leicht Aufgabe gemeistert, einen so großen Cast erfüllend zu beschäftigen. Eine angenehme Abwechslung ist das Fehlen von übertriebenen Romanzen und Liebeleien. Die spielen sich schön im Hintergrund ab und kommen nur ab und an in den Fokus. So knistert es seit der ersten Staffel zwischen Josh und seiner Assistentin Donna und viele Showrunner hätten daraus viel früher eine große Storyline gemacht. Nicht so Sorkin. Wirklich ernst wird es zwischen den beiden erst in der letzten Staffel. Die Figuren sind eben professionelle und ambitionierte Mitarbeiter im Weißen Haus. Da haben Privatleben und Romanzen einfach keinen Platz.

Eines der Kunststücke der Serie ist das Kommentieren von Themen der zeitnahen amerikanischen Politik. Ein Beispiel dafür ist die Folge zum 11. September, die in Rekordzeit produziert wurde und dieses Thema mit einem sagenhaften Fingerspitzengefühl behandelte und bereits am 3. Oktober ausgestrahlt wurde.
Des Weiteren begleitet die letzte Staffel den Wahlkampf des hispanischen Abgeordneten Matt Santos, der stark an den damaligen Senator Obama angelehnt wurde.
Weitere zentrale Storylines im laufe der Serie sind die Waffengesetze, ein Skandal, der stark an die Lewinsky-Affäre erinnert, Kampf gegen den Terror, eine undichte Stelle im engsten Stab, einen federal goverment shutdown, den es kürzlich tatsächlich fast gegeben hätte und viele mehr.

Fazit

Abschließend kann ich nur noch sagen, dass ich The West Wing uneingeschränkt empfehle. Ich denke hier ist für jeden etwas dabei. Man lernt eine Menge über amerikanische Politik und deren Besonderheiten, wird gut durchdachte und umgesetzte Stoylines finden, eine Menge Drama aber auch viel Comedy zu sehen bekommen und jeder wird mindestens eine Figur entdecken, die einem extrem gut gefällt und Spaß daran finden, diese über lange Zeit zu begleiten und näher kennenzulernen.
Ich für meinen Teil war jedenfalls positiv überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass mir diese Art Serie gefallen könnte, habe mich aber tatsächlich von Anfang an in sie verliebt. Ich kann mich sogar kaum entscheiden wen ich am liebsten mochte. Zu Beginn war es Sam Seaborn, dessen Art zu reden und gewitzte Dialoge es waren, die mich am meisten fesselten. Sein engster Kollege Toby Ziegler ist mir vielleicht am ähnlichsten und gefiel mir wahrscheinlich deshalb so gut. Un dann ist da noch C.J. Cregg, die eine ganz unglaubliche Entwicklung vollzogen hat und eine fantastische Mischung aus Witz, Charme und Durchsetzungsvermögen hat.

Ich weiß jedenfalls, dass ich mir die komplette Serie in den nächsten Jahren bestimmt noch das eine oder andere mal ansehen werde und das kann ich nicht von vielen Serien behaupten.

Im Anschluss habe ich noch einige meiner persönlichen Highlights zusammengetragen, um dem einen oder anderen den Mund wässrig zu machen. Schaut doch mal durch die Clips durch.

Beste Episoden

Hier nur eine kurze Liste mit Folgen, die mir besonders gut gefallen haben. Wer sich die Serie anschaut, sollte hier vielleicht ein etwas größeres Augenmerk drauf richten.

  1. Two Cathedrals (S02E22)
  2. 17 People (S02E18)
  3. In Exelsis Deo (S01E10)
  4. Pilot (S01E01)
  5. Twenty Five (S04E23)
  6. What Kind of Day Has it Been? (S01E22)

Beste Szenen

Beim Zurückerinnern an einzelne Szenen aus der Serie surfte ich eine Weile durch youtube und fand viele tolle Clips. Ich habe einige Beispiele für die wahnsinnig guten Dialoge und das urkomische komödiantische Timing zusammengesucht und bin echt immer wieder erstaunt, wie sehr einen ein 2 Minuten Ausschnitt emotional an den Zeitpunkt des ersten Sehens zurückversetzt.
Manche Clips werden wohl nicht für diejenigen funktionieren, die The West Wing noch nicht kennen, die meisten aber schon.

Jed Bartlet prollt etwas rum

Genial!

Bartlet ruft bei der Butterball Hotline an

Eine Szene, die die Story gar nicht weiterbringt, sondern das unglaublich gute komödiantische Timing des Skripts und der Schauspieler zur Schau stellt.

Jobinterview

Ein Meisterwerk an Dialogkunst, was Aaron Sorkin hier verzapft hat.

Josh und Sam machen Feuer im Weißen Haus

Die Heizung im Weißen Haus ist ausgefallen und so kommen Josh und Sam auf die glorreiche Idee ein Feuer zu machen. Zum totlachen.

“What the hell are you doing, now we’re both in the hole!”

Tolle Szene, die zeigt, wie sehr der Stab zu einer Familie zusammengewachsen ist.

Cold Open

Cold Open haben sich in vielen Serien etabliert, wobei meist nur One-Liner oder kurze Teaser auf die Folge eingebaut werden. So macht man das, wenn man es ernst meint. Clip aus ‘Let Bartlet be Bartlet’ (Einbetten leider deaktiviert)

Clip aus ‘17 People’

Ein ganz wunderbarer Schlagabtausch zwischen Deputy Chief of Staff Josh und seiner Assistenten Donna aus einer meiner Lieblingsfolgen.

C.J. Cregg Does The Jackal

Eine meiner absoluten Lieblingsszenen, in der Pressesprecherin C.J. eine Lippensynchrone Performance von ‘The Jackal’ bringt. Es kann auch lustig zugehen im Westflügel. The Jackal (Einbetten leider auch deaktiviert)

Charlie und Potus

Und um den Bodyman des Präsidenten Charlie nicht zu vergessen, hier eine wundervolle Szene zwischen den beiden, die über die Jahre ein Vater-Sohn-Verhältnis entwickeln.

Emmy für Best Supporting Actor Drama Series

2002 waren 4 der 6 nominierten Darsteller aus The West Wing. Das ist mal beeindruckend.

The West Wing - Die komplette erste Staffel

The West Wing - complete Series [UK Import]

Comments